Persönlichkeitsbildung von Folterern und die Frage der „Rettungsfolter“

Hier können Sie den Artikel „Persönlichkeitsbildung von Folterern und die Frage der „Rettungsfolter““ von Peter Boppel aus dem Jahr 2005 herunterladen:

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Der Vortrag wurde gehalten auf der Tagung „Qual der Wahl“ in der evangelischen Akademie Hofgeismar, Oktober 2005. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Akademie, in deren Publikationsreihe „Hofgeismarer Protokolle“ der Artikel 2006 erscheinen wird.

Den Beginn des Texts können Sie hier lesen:

Zu der in letzter Zeit häufig diskutierten Frage, ob in Fällen von Entführungen oder auch im Falle von „ticking bombs“, worunter man z.B. ein Attentat planende Terroristen und ihre etwaigen Mitwisser versteht, zur Rettung von sonst dem Tode Geweihten begrenzt Folter angewendet sollte, soll im Folgenden unter dem Blickwinkel der Persönlichkeit von Folterern und deren Entstehung Stellung bezogen werden.
Dabei wird diskutiert, ob dies bei einer etwaigen Lockerung des Folterverbots, wofür unser Grundgesetz geändert werden müsste ( Poscher, 20005), nicht die Gefahr eines „Dammbruch“ bzw. einer „Ausuferung“mit sich bringen könnte.
Aus den Versuchen u. a. von Zimbardo ( Craig,H.; Curtis,B; Zimbardo,P.1983), aus den Erfahrungen vieler Jahrtausende seit der Sesshaftwerdung der Menschheit (Weniger,2001), der NS-Zeit, wie auch zuletzt durch die Vorkommnisse in Abu Ghraib liegt es nahe anzunehmen, dass – einmal in Gang gekommen- Gewalt ungenügend gesteuert werden kann. Die Möglichkeit des Fähigsein zur Aggression basiert grundsätzlich auf der sich in der Evolution herausgebildeten Disposition des Menschen zur Selbsterhaltung, Revierverteidigung, Fortpflanzungsermöglichung, Rangpositionsermittlung sowie der Erreichung eines gesunden Narzismus, eines guten Selbstwertes.
Auch aus den weltbekannten und oft replizierten Milgram’schen Experimenten, haben wir erfahren müssen, dass 65% der Menschen –Männer wie Frauen- unter Befehlsbedingungen zu leicht geneigt sind, Gewalt über das Maß fortzuführen.
Andererseits zeigen aber auch gerade die Versuche von Milgram, wie bei Nichtanwesenheit der Autoritätsperson die spontane Bereitschaft zur Anwendung von Gewalt auf 20,5% fällt (Milgram, 1974), also für eine berufsmäßige Ausführung ohne Training noch nicht die Spontanbereitschaft zum Gewalttätigwerden und der Gehorsam vorhanden sind, die Grundlagen für sichere Abrufbereitschaft darstellten.
Dies ist auch nicht so verwunderlich, wenn man sich klar macht, dass beim Menschen neben Erziehungs- und kulturellen Einflüssen auch eine eingeschränkte Tötungshemmung (Wuketits, 1995), eine Disposition zum Altruismus (Fehr/Reinninger 20004) und ein Bedürfnis nach Bindung (Grawe 2004) existiert.
So legen auch die Forschungen des ehemaligen US- Elitesoldaten und späteren Militärpsychologen, Dave Grossmann (Grossmann 2003) zum „Killingreflex“ bei Soldaten nahe, der spontan so niedrig ist, dass spezielle Drillmethoden am Computer bei der US-Armee eingesetzt werden müssen, um das Töten mit Schusswaffen zu trainieren
Auch dem Medizinstudenten fällt es zu Beginn seiner Ausbildung nicht so leicht in der Anatomie oder bei den ersten Injektionsversuchen, in menschliches Gewebe einzudringen.

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