Archiv der Kategorie: Allgemein

Die türkische Ärztin Benan Koyuncu konnte ihre Arbeit wieder aufnehmen

Wie die Human Rights Foun­da­tion of Turkey (HRFT), mit der unser Net­zw­erk in engem Aus­tausch ste­ht, mit­teilt, kon­nte die Ärztin und Men­schen­rechtsvertei­di­gerin Benan Koyun­cu ihre Arbeit wieder aufnehmen.

Benan Koyun­cu ist Notärztin, Mit­glied der Ärztekam­mer Ankara (ehe­ma­liges Vor­standsmit­glied) und ehre­namtlich­es Mit­glied der HRFT. Am 29. Okto­ber 2021 wurde sie durch das türkische Gesund­heitsmin­is­teri­um von ihrer Arbeit am Çankırı State Hos­pi­tal sus­pendiert. Begrün­det wurde dies mit dem all­ge­meinen Vor­wurf der “Verbindung, Zuge­hörigkeit oder Mit­glied­schaft zu ter­ror­is­tis­chen Organ­i­sa­tio­nen”, ohne dass dafür eine nachvol­lziehbare Grund­lage vor­lag. Zuvor hat­te es bere­its zwei weit­ere willkür­liche Ver­suche gegeben, sie von ihrer Arbeit als Ärztin abzuhalten.

Erfreulicher­weise kann die HRFT mit­teilen, dass Benan Koyun­cu am 8. März 2022 ihre Arbeit wieder aufnehmen kon­nte, nach­dem das zuständi­ge Ver­wal­tungs­gericht in einem vor­läu­fi­gen Urteil entsch­ied, dass keine Grund­lage für die Anschuldigun­gen vorlag.

Das Amnesty-Heil­berufe-Net­zw­erk freut sich mit der HRFT über den Erfolg und unter­stützt deren Forderun­gen alle willkür­lichen Ver­fol­gun­gen von Menschenrechtsverteidiger*innen in der Türkei unverzüglich zu beenden.

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Ein ukrainischer Psychiater, der von AI adoptiert wurde, erinnert sich an seine Erfahrungen im Gulag

Vor eini­gen Monat­en ent­deck­te ich ein Buch, auf das ich Euch aufmerk­sam machen möchte und damit auf den Autor, den ukrainis­chen Arzt und Psy­chi­ater Dr. Semy­on Gluz­man. Er wurde 1977 als poli­tis­ch­er Gefan­gene als Fall von AI Lon­don anerkan­nt und von unserem 1979 gegrün­de­ten AI Arbeit­skreis Ärzte — Psy­cholo­gen, zu dem ich gehörte, betreut.

Das Buch heißt “Angst und Frei­heit, vom Über­leben eines ukrainis­chen Psy­chi­aters im Gulag“ und erschien 2020 im Mabuseverlag.

Heute, da die Men­schen­recht­sor­gan­i­sa­tion Memo­r­i­al, unter anderem von Andrej Sacharow gegrün­det, in Moskau ver­boten wurde und viele sein­er Mit­glieder ver­haftet wur­den, scheint es mir beson­ders wichtig, an diese Dis­si­den­ten von damals, ihre Aufk­lärungsar­beit, ihr Schick­sal, ihre unbeugsame Hal­tung, ihren Mut und vieles andere zu erin­nern und evtl. Bezüge zur gegen­wär­ti­gen Sit­u­a­tion  zu ziehen.

Semy­on Gluz­man wurde 1946 in Kiew geboren, studierte Medi­zin und wurde Psy­chi­ater. 1971 wurde ihm eine Stelle an der  berüchtigten psy­chi­a­trischen Son­der­anstalt in Dne­jpropetrowsk ange­boten, welche er ablehnte, da er wusste, dass dort gesunde Men­schen auf­grund ihrer poli­tis­chen Ansicht­en „behan­delt“ wurden.

Im Mai 1972 wurde Dr. Gluz­man in Kiew ver­haftet und wegen „anti­sow­jetis­ch­er Agi­ta­tion und Pro­pa­gan­da“ zur Höch­st­strafe von 7 Jahren Besserungsar­beit­skolonie und 3 Jahren Ver­ban­nung verurteilt. Im Prozess wurde ihm vorge­wor­fen, die Nobel­preisrede von Albert Camus, einen Artikel von Hein­rich Böll aus der Zeitschrift „Reporter“, den „offe­nen Brief an den Schrift­stellerver­band der UDSSR“ von Arkady Belinkov in seinem Besitz gehabt zu haben.

Der eigentliche Grund aber war ver­mut­lich, dass er einen „Gerichts-psy­chi­a­trischen Bericht in absen­tia im Fall von Petro Grig­orenko“ geschrieben hat­te. Grig­orenko (1921–1987) war ukrainis­ch­er Kom­man­dant in der sow­jetis­chen Armee, kri­tisierte aber schon früh die poli­tis­che Führung der SU und war Mit­be­grün­der der Men­schen­rechts­be­we­gung. Er kam von 1969 bis 1974 in die Psy­chi­a­trie und sollte als „geisteskrank“/schizophren erk­lärt werden.

Gluz­man sollte 1971 dazu ein Gutacht­en schreiben, attestierte Grig­orenko allerd­ings in diesem Gutacht­en völ­lige geistige Gesundheit.

Ab 1972 ver­büßte S. Gluz­man seine Strafe im Lager bei Perm. 1974 kam auch Vladimir Bukows­ki in dieses Lager und mit diesem zusam­men schrieb er 1975 das „Hand­buch der Psy­chi­a­trie für Dis­si­den­ten“, in dem Ratschläge für Dis­si­den­ten im Umgang mit Psy­chi­atern gegeben wurden.

Diese Schrift und viele anderen Berichte über seine Lage, über die Ver­höre, die Umstände im Lager, die Arbeits­be­din­gun­gen, Hunger­streiks, das Schick­sal und die Beschrei­bung einzel­ner Mit­ge­fan­gener wie des Dichters Vasyl Stus, des Dis­si­den­ten Valery Marchenko und ander­er, sein Nach­denken über Angst und Frei­heit, wur­den aus dem Lager geschmuggelt, natür­lich unter höch­ster Bedro­hung, und gelangten über Samis­dat und Tamis­dat in den Westen.

Es hat mich sehr berührt und auch aufgewühlt, im oben erwäh­n­ten Buch nun Artikel, Briefe, Appelle, Gericht­surteile, Gedichte etc. abge­druckt zu lesen, die ich während der Betreu­ung des „Fall­es Gluz­man“ in x‑mal kopiert­er Form, manch­mal kaum mehr les­bar, bekom­men hat­te und bis heute auf­be­wahre. Ich habe mich damals oft gefragt, wie denn diese ganzen Berichte über­haupt den Weg aus dem Lager und dann in die Welt geschafft haben — nun, jet­zt im Buch wird dies beschrieben…und der let­zte Artikel darin ist ein Dank an die „muti­gen Frauen“, die bei Besuchen die kost­bare Fracht über­nah­men und für ihre Ver­bre­itung sorgten.

Diese Berichte waren die Voraus­set­zung dafür, dass der West­en über den Miss­brauch der Psy­chi­a­trie in der SU über­haupt erst erfuhr – lei­der wurde dies, wie Hart­mut Berg­er im Vor­wort des Buch­es beschreibt, ger­ade von den Vertretern der Reformpsy­chi­a­trie in Deutsch­land erst ein­mal weit­ge­hend ignoriert.

Diese Hal­tung habe ich, als junge Psy­chi­a­terin, bei meinen Aktio­nen für Semy­on Gluz­man, lei­der auch öfters erlebt. Viele kon­nten und woll­ten sich diesen Miss­brauch der Psy­chi­a­trie in der SU ein­fach nicht vorstellen.

Aber es gab doch zunehmend Aufrufe in der inter­na­tionalen Gemein­schaft der Psy­chi­a­trie, die sich für Ken­nt­nis­nahme, Aufk­lärung und Unter­stützung der Inhaftierten einsetzten.

1982 wurde S. Gluz­man nach Kiew ent­lassen und hat seine Arbeit als Wis­senschaftler, als Psy­chi­ater, als Aufk­lär­er, Zeitzeuge auf vielfältige und bewun­derungswerte Weise fort­ge­set­zt. Er bekam viele Ehrun­gen weltweit und lebt heute, soweit ich erfahren kon­nte, in Kiew.

 — Dr. med. Gisela Krauß, Heidelberg

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Video zum Anketten psychisch kranker Menschen

Im fol­gen­den ca. 5‑minütigen Video von Human Rights Watch wird das weltweite Prob­lem des Anket­tens psy­chisch kranker Men­schen dargestellt und die bish­eri­gen Bestre­bun­gen gewürdigt, die Sit­u­a­tion zu verbessern.

Der Link in diesem Beitrag ver­weist auf Seit­en, für deren Inhalt AI keine Ver­ant­wor­tung übernehmen kann. Auch gibt deren Inhalt nicht zwangsläu­fig die Mei­n­ung von Amnesty Inter­na­tion­al wieder.

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Update zur Menschenrechtslage psychisch kranker Menschen

Die Links in diesem Beitrag ver­weisen auf Seit­en, für deren Inhalt AI keine Ver­ant­wor­tung übernehmen kann. Auch gibt deren Inhalt nicht zwangsläu­fig die Mei­n­ung von Amnesty Inter­na­tion­al wieder.

Die fol­gen­den Beiträge befassen sich mit Men­schen­rechtsver­let­zun­gen an Per­so­n­en mit psy­chis­chen Erkrankungen:


Ein Link zu ein­er Presseeerk­lärung der SOS-Kinderdör­fer zum The­ma: “Psy­chisch kranke Kinder in Ket­ten. SOS-Kinderdör­fer fordern sofor­tiges Ende der schock­ieren­den Prax­is in Ghana.” vom 20. 8. 2020:

 


Ein Link zu einem bek­lem­menden Bericht (pro­duziert von Arte) über die völ­lig recht­lose Lage psy­chisch kranker Frauen in Pakistan:

 


Und ein Artikel: “Geht es psy­chisch kranken Men­schen in ärmeren Län­dern bess­er?” (erschienen in “Soziale Psy­chi­a­trie” 02/2020)

 


Mehr zum The­ma psy­chis­che Gesund­heit & Men­schen­rechte find­en Sie auch unter http://mental-health-and-human-rights.org/
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Update zum Fall Raif Badawi in Saudi-Arabien

Liebe Leser*innen, hier noch mal eine Zusam­men­fas­sung des Falls und die Geschehnisse der let­zten Wochen. Zudem haben wir ein paar Medi­en­berichte hinzuge­fügt, die sich mit Badawi und seinem Schick­sal beschäftigen.

Raif Badawi istin akuter Gefahr gefoltert zu 
wer­den, weil er sein Recht auf Mei­n­ungs­frei­heit­wahr genom­men hat.

Er hat 2008 die Web­seite „Sau­di-Ara­bis­che­Lib­erale“ gegrün­det. Auf 

dieser hat er zu einem öffentlichen Mei­n­ungsaus­tauschüber politische, 

soziale und religiöse The­men aufgerufen. Die Anklage,die gegen Raif 

Badawi erhoben wurde, stützte sich auf mehrere sein­er Artikel.Er wurde 

schließlich wegen der Grün­dung der Web­seite (= Ver­stoß gegen dasGesetz 

zur Infor­ma­tion­stech­nolo­gie) und wegen „Belei­di­gung des 

Islam“verurteilt. Nach einem lan­gen juris­tis­chen Tauziehen wurde er im 

Mai 2014zu zehn Jahren Haft und 1000 Stockschlä­gen verurteilt worden. 

Des Weit­eren wurde ihm ein anschließen­des Rei­se­ver­bot von zehn Jahren, 

ein Ver­wen­dungsver­bot­für Medi­enkanäle und eine Geld­strafe von einer 

Mil­lion Sau­di-Riyal (etwa195 000 Euro) auferlegt.

Anfang des Jahres wur­den die­Stock­hiebe das erste Mal voll­streckt. Ein 

Augen­zeuge berichtete Amnesty von der öffentlichen Folter des saudischen 

Aktivis­ten am 9. Jan­u­ar 2015: Raif Badawi erhielt gefes­selt auf einem 

Platz vor der Al-Jafali-Moscheein Dschid­da 50 Hiebe. Schaulustige 

ver­sam­melten sich um ihn herum. An seinem­Gesicht sei abzule­sen gewesen, 

dass er bei dieser Tor­tur und Demü­ti­gung­große Schmerzen hat­te. Die noch 

gegen ihn ausste­hen­den 950 Stockschlägekön­nten im Laufe der kommenden 

Wochen voll­streckt werden.

Am 16.1. sowie 23.01. wur­dendie Schläge offiziell auf­grund des 

gesund­heitlichen Zus­tands von Raif Badaw­inicht voll­streckt. Trotz 

dessen beste­ht die Strafe weit­er und ihm dro­htins­ge­samt 20 Wochen lang 

diese schreck­liche Tortur.

Bere­its am 15. Jan­u­ar protestierten­wir seit­ens des SdS und Bezirks vor 

der sau­di-ara­bis­chen Botschaft in Berli­n­und über­gaben rund 50.000

Briefe und Unter­schriften, die wir in den let­zten­Wochen in Deutschland 

gesam­melt haben u.a. im Brief­marathon und an Schulen.Am

Don­ner­stag den 22.01. ver­sucht­en wir noch ein­mal den Druck auf die 

sau­di-ara­bis­che Regierung zu erhöhen, die Folter an Raif Badawi 

zu stop­pen. Etwa 150 Mit­glieder und Unter­stützer ver­sam­melten sich vor 

der Botschaft um gegen die Stock­hiebe für Raif Badawi zu protestieren. 

Dabei war dies­mal auch unsere Gen­er­alsekretärin Selmin Caliskan. 

Promi­nente Unter­stützunger­hielt die Aktion unter anderem durch den 

Bun­desvor­sitzen­den von Bündnis90/Die Grü­nen Cem Özdemir, die 

Schaus­pielerin Kat­ja Rie­mann und den Lei­t­er­der Akademie der Künste, 

Klaus Staeck sowie Reporter ohne Gren­zen. Auch dies­mal wur­den wieder 

Briefe und Peti­tio­nen übergeben. Ins­ge­samt wur­den 91.000 gesammelte 

Unter­schriften in Form von aus­ge­druck­ten Online-Unterschriftensowie 

einige Schüler­briefe direkt übergeben.

Doch nicht nur in Deutsch­landfind­en Aktio­nen gegen die Folter und das 

Urteil an Raif Badawi und fürdie Mei­n­ungs­frei­heit statt. Weltweit haben 

bere­its über 867.000 Men­schenin Appellen ihrem Protest in diesem Fall 

Aus­druck ver­liehen. In Deutsch­land­liegt diese Zahl mit Stand heute bei 

über 97.000.

Hier find­et ihr einige Videoszu dem Thema:

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/kanaluebersicht/446#/beitrag/video/2328452/ZDF-heute-journal-vom-23-Januar-2015
http://www.faz.net/aktuell/politik/nach-verurteilung-amnesty-protestiert-fuer-die-freiheit-von-blogger-badawi-13385895.html
http://www.dw.de/viel-solidarit%C3%A4t-mit-raif-badawi/av-18209869
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/kanaluebersicht/446#/beitrag/video/2327614/Widerstand-gegen-Badawi-Auspeitschung

In Deutsch­land wird es inden näch­sten Wochen in Berlin vor der 

Saud­is­chen Botschaft, sowie in Frank­furtvor dem Saudischen 

Gen­er­alkon­sulat, ehre­namtliche Mah­nwachen geben, umden Druck auf die 

Saud­is­che Regierung aufrecht zu erhalten.

Wenn ihr euch kurzfristig  andiesen Mah­nwachen beteili­gen oder selbst 

eine machen wollt, beispiel­swei­sein Fußgänger­zo­nen, wäre jet­zt eine 

gute Zeit dafür, weil der Fall zur Zeit­bekan­nt ist und teil­weise auch 

unter „Je suis Raif Badawi“ kur­siert bzw. weil wir kurzfristig die 

voll­ständi­ge Aus­set­zung der Kör­per­strafe sowiedie Freilas­sung von 

Badawi erre­ichen wollen.
Mate­ri­alien kön­nt Ihr als Amnesty-Mit­glieder bzw. lokale Grup­pen bei uns anfordern.

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