Schlagwort-Archive: Türkei

Unterstützung: Hauttransplantationen bei türkischem Folteropfer

Das Amnesty-Aktion­snetz Heil­berufe unter­stützt die in Deutsch­land durchge­führte Haut­trans­plan­ta­tion für eine Frau, die in der Türkei gefoltert wurde und durch extreme Gewal­tan­wen­dung türkisch­er Sicher­heit­skräfte schw­er­ste Ver­bren­nun­gen davonge­tra­gen hat.

Einen Artikel der “tageszeitung” mit der Geschichte der Türkin find­et ihr HIER:

2010-07 taz artikel hac­er arikan

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20-Jähriges Jubliäum der türkischen Menschenrechtsstiftung TIHV im Jahr 2010

Das Amnesty-Aktion­snetz Heil­berufe grat­uliert der Türkischen Men­schen­rechts-
stiftung (TIHV) zu ihrem 20-jähri­gen Jubiläum!

Als vor­rangige Auf­gaben sieht die TIHV die kosten­lose Behand­lung von Folteropfern in fünf von ihr betriebe­nen Reha­bil­i­ta­tion­szen­tren sowie die Doku­men­ta­tion von Men­schen­rechtsver­let­zun­gen in der Türkei an. Das Amnesty-Aktion­snetz ste­ht seit Jahren in sol­i­darisch­er Verbindung mit der TIHV, beteiligte sich mehrmals an Beobach­tun­gen von schikanösen Prozessen gegen TIHV-Mitar­beit­er/in­nen und lud diese zu Vor­trags- und Podi­umsver­anstal­tun­gen in Deutsch­land ein.

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Die Verurteilung der Folterer durch Recht und Gewissen Politisch-rechtliche Aspekte therapeutischer Menschenrechtsarbeit in der Türkei

Hier kön­nen Sie den Artikel “Die Verurteilung der Folter­er durch Recht und Gewis­sen Poli­tisch-rechtliche Aspek­te ther­a­peutis­ch­er Men­schen­recht­sar­beit in der Türkei” von Alp Ayan aus dem Jahr 2006 herunterladen:

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Der Aritkel erschien auch in: Zeitschrift für Poli­tis­che Psy­cholo­gie, Jg. 14, 2006, Nr. 1+2, S. 19–31

Die Zusam­men­fas­sung des Texts kön­nen Sie hier lesen:

Der Artikel beruht auf einem Inter­view zum The­ma „Unrecht­ser­leben bei poli­tisch Trau­ma­tisierten“ in der Türkei. Deren Gerechtigkeitssinn wird durch Folter oft beschädigt; sie glauben nicht mehr an eine im Prinzip gerechte und sichere Welt. Das gilt für poli­tisch aktive wie nicht-aktive Betrof­fene gle­icher­maßen. Straflosigkeit für die Folter­er trägt hierzu stark bei. Gerechtigkeitssinn und Hoff­nung sind wichtige Größen für den Ther­a­pieprozess. Entsprechend bietet die Türkische Men­schen­rechtss­tiftung ihren Klient/inn/en auch juris­tis­che Unter­stützung an. Allerd­ings bergen Gerichtsver­fahren das Risiko der Retrau­ma­tisierung in sich, was in der Ther­a­pie genau abgek­lärt wer­den muss. Die Verurteilung der Täter im per­sön­lichen und kollek­tiv­en Gewis­sen kann für die Ver­fol­gten eine ähn­lich pos­i­tive Wirkung haben wie deren Verurteilung vor Gericht, weil dadurch Schuld- und Wert­losigkeits­ge­füh­le ver­ringert wer­den – die Schuld wird ein­deutig den Folter­ern zugeschrieben. Dies erfordert eine partei­is­che Grund­hal­tung in der Ther­a­pie. Wegen der steten Retrau­ma­tisierungs­ge­fahr, beson­ders im Zuge eines Gerichtsver­fahrens, ist eine sup­port­ive Ther­a­pie vorzuziehen. Dabei kann eine zu starke Iden­ti­fika­tion mit den Klien­ten zu Prob­le­men führen, etwa zu ein­er reak­tiv­en Dis­tanzierung. Fern­er kostet es viel pro­fes­sion­ale und per­sön­liche Energie, den Druck, der durch schikanöse Gerichtsver­fahren auf men­schen­rechtlich engagierte Therapeut/inn/en aus­geübt wird, von der Ther­a­pie fernzuhal­ten. Die Ther­a­pie mit poli­tisch Trau­ma­tisierten ist im Rah­men des inter­na­tionalen Engage­ments gegen Unrecht und Ungerechtigkeit zu sehen.
Con­dem­na­tion of Tor­tur­ers by Law and Conscience
Pub­lic and legal aspects of ther­a­peu­tic human rights work in Turkey
This arti­cle is based on an inter­view con­duct­ed on the sub­ject of „Expe­ri­ences of Injus­tice in Polit­i­cal­ly Trau­ma­tised Per­sons“ in Turkey. Tor­ture vic­tims’ sense of jus­tice is fre­quent­ly impaired and they no longer believe in a world that is just and safe in prin­ci­ple. This is true both of sur­vivors who are polit­i­cal­ly active and of those who are not. Fail­ure to con­vict tor­tur­ers plays a major role in this impair­ment. A sense of jus­tice and hope is an impor­tant ele­ment of ther­a­py. The Turk­ish Human Rights Foun­da­tion there­fore also offers its clients legal sup­port. How­ev­er, court cas­es are asso­ci­at­ed with the risk of retrau­ma­ti­sa­tion, which must be dis­cussed in therapy.
Con­demn­ing the per­pe­tra­tors in their own per­son­al and col­lec­tive con­sciences can have a sim­i­lar­ly pos­i­tive effect for the sur­vivors as if they had been sen­tenced by a court, because feel­ings of guilt and worth­less­ness are reduced – the guilt is clear­ly assigned to the tor­tur­er. This requires an atti­tude of par­tial­i­ty in ther­a­py. Owing to the con­stant threat of retrau­ma­ti­sa­tion, par­tic­u­lar­ly in the course of court pro­ceed­ings, sup­port­ive ther­a­py is the treat­ment mode of choice. How­ev­er, too strong an iden­ti­fi­ca­tion with the client can lead to prob­lems, e.g. reac­tive dis­tanc­ing. It also requires much pro­fes­sion­al and per­son­al ener­gy to keep the pres­sure exert­ed on ther­a­pists com­mit­ted to human rights by stress­ful court pro­ceed­ings out of ther­a­py. Ther­a­py with peo­ple who have been polit­i­cal­ly trau­ma­tised must be con­sid­ered part of the inter­na­tion­al com­mit­ment to the strug­gle against injustice.

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Bericht vom öffentlichen Teil der Herbsttagung des ai-Aktionsnetzes der Heilberufe am 29.10.2005 in München

Sehr geehrte Damen und Herren,

hier kön­nen Sie den “Bericht vom öffentlichen Teil der Herb­st­ta­gung des ai-Aktion­snet­zes der Heil­berufe am 29.10.2005 in
München”:

AI_Protokoll_Herbsttagung_2005

 

Das Aktion­snetz der Heil­berufe von Amnesty Inter­na­tion­al beste­ht seit 25 Jahren. Schw­er­punkt in diesem Jahr ist die Sit­u­a­tion der Men­schen­rechte in der Türkei. Hin­ter­grund für dieses gewählte Schw­er­punk­t­s­the­ma ist zum einen die aktuelle Diskus­sion um den EU-Beitritt der Türkei, der beson­ders auch in Deutsch­land in der poli­tis­chen Diskus­sion sehr kon­trär disku­tiert wird; zum anderen wer­den immer noch viele Flüchtlinge, vor allem kur­dis­che aus dem Südosten der Türkei, von Heil­beru­flern als trau­ma­tisierte Men­schen und Folterüber­lebende berat­en, begleit­et, behan­delt und mit ihnen für die Anerken­nung eines Schutzs­ta­tus gekämpft.
Schon län­gere Zeit beste­hen inten­sive Kon­tak­te zu den entsprechen­den Behand­lungszen­tren und Men­schen­recht­sak­tivis­ten unter den Heil­beru­flern in der Türkei.
Im Früh­jahr haben wir Kol­le­gen aus den Behand­lungszen­tren zu Gast gehabt und ihnen Gele­gen­heit gegeben, die men­schen­rechtliche Sit­u­a­tion in der Türkei aus ihrer Sicht darzule­gen. Dabei wur­den dun­kle und helle Streifen am poli­tis­chen Hor­i­zont sehr plas­tisch dargelegt (siehe Bericht von der Früh­jahrsta­gung in Berlin).
Zur Herb­st­ta­gung haben wir den Recht­sex­perten für Völk­er­recht Prof. Dr. Nor­man Paech zum The­ma: „Die Türkei auf dem Weg nach Europa? Men­schen­rechte und die Kur­den­frage“ eingeladen.
Herr Paech reiste seit 1993 viele Male in die Türkei und hat aus völk­er­rechtlich­er Sicht Gutacht­en und Stel­lung­nah­men zur Kur­den­frage veröffentlicht.
In seinem inhalt­sre­ichen und elo­quent gehal­te­nen Vor­trag ging er auf zwei The­menkom­plexe ein:
1. Er nahm zu den von kon­ser­v­a­tiv­er Seite immer wieder ins Feld geführte Argu­men­ta­tio­nen gegen einen EU-Beitritt der Türkei Stellung.
2. Er unter­strich seine These, dass die Lösung der  Men­schen­rechts­frage in der Türkei von der Lösung der Kur­den­frage abhängig sei.
Die Argumente:
A) Die EU wird mit dem Beitritt der Türkei völ­lig über­fordert sein. Die Türkei sei ein armes Agrar­land, das nur 20% des durch­schnit­tlichen BSP erwirtschaftet.
Man weist auf 20–40 Mil­liar­den Euro als Sub­ven­tio­nen hin, wovon die BRD 1/5 aufzubrin­gen hätte. Bei ein­er Infla­tion­srate von derzeit 40% würde es zum Zer­fall der wirtschaftlichen Finanzkraft der EU kommen.
B) Mit vor­rau­sichtlich 82 Mil­lio­nen Men­schen in 15 Jahren wird die Türkei das bevölkerungsstärk­ste Mit­glied in der EU sein. Damit ver­schieben sich die Sitzverteilun­gen in den poli­tis­chen Gremien und damit die poli­tis­chen Einflüsse.
Außer­dem wer­den Szenar­ien von 10–18 Mil­lio­nen ver­armter Ana­toli­er geze­ich­net, die nach Europa, vornehm­lich nach Deutsch­land strö­men würden.
Diesen Ansturm sei bedrohlich und kön­nte nicht bewältigt werden.
C) Der NATO-Mit­glied­schaftssta­tus, haupt­säch­lich als Vor­posten gegen die Sow­je­tu­nion und später zur Kon­trolle der islamis­chen Nach­folges­taat­en des ver­fal­l­en­den Sow­jet-Reich­es und der Län­der des Mit­tleren Ostens gedacht, hat eine frag­würdi­ge Schat­ten­seite: An den Gren­zen von Europa stoßen gefährliche Kon­flik­therde und zer­fal­l­ende Staat­en wie Iran, Irak, Syrien, Libanon und der gefährliche und alles über­schat­tende Palästi­na-Kon­flikt. Aus der ursprünglich geostrate­gisch gün­sti­gen Posi­tion der Türkei als Brück­en­funk­tion zu den islamis­chen Staat­en dürfe kein Brück­enkopf dieser uns kul­turell frem­den und fern­ste­hen­den Gesellschaften werden.
D) Die Türkei sei eine for­male Demokratie mit dahin­ter ste­hen­der Mil­itärherrschaft. Die Über­nahme der demokratis­chen Rechte und Geset­ze seien in der Gesellschaft nicht ver­ankert. Die Demokratie sei in der Gesellschaft unbelebt und tot.
E) Die Türkei hege wie das osman­is­che Reich geschichtlich eine dog­ma­tisch ver­fes­tigte Feind­schaft zum christlichen Abend­land und christlich­er Werte. Ins­beson­dere von kon­ser­v­a­tiv­er His­torik­er­warte (Win­kler, Wehler, Böck­en­förde) wird der Türkei bestrit­ten, his­torisch wie kul­turell zu Europa zu gehören. Es fehle „eine inner­is­lamis­che Aufk­lärung oder Ref­or­ma­tion.“ Sowie eine „durch nichts erset­zbare gemein­same his­torische Prä­gung und Erfahrung.“ Dabei werde, so Herr Paech, überse­hen, dass das osman­is­che Reich der Inbe­griff der Koex­is­tenz der großen Wel­tre­li­gio­nen war, in dem Juden, Moslems und Chris­ten über Jahrhun­derte friedlich koex­istiert und zusam­men­gelebt hätten.
Er warf den His­torik­ern ein ide­ol­o­gisch ver­bo­genes roman­tis­ches Geschichts­bild vor, in dessen Zwangs­jacke sie das Europa des 21. Jahrhun­derts  steck­en woll­ten. Die dun­klen Seit­en der europäis­chen Ver­gan­gen­heit blieben kon­se­quent uner­wäh­nt. Die meis­ten „Argu­mente“ kul­tureller Unvere­in­barkeit seien „verquaste nation­al­staatliche Rem­i­niszen­zen aus dem 19. Jahrhun­dert“. Er kenne keinen Staat des Nahen und Mit­tleren Ostens, der mehr Bemühun­gen auf sich genom­men habe, sich in den West­en inte­gri­eren zu wollen. Viele Geset­ze und Regeln seien aus dem europäis­chen Recht über­nom­men wor­den. Er erin­nerte daran, dass schon im Mit­te­lal­ter das osman­is­che Reich Juden, die auf der iberischen Hal­binsel ver­fol­gt wor­den seien, aufgenom­men und neu ange­siedelt wor­den seien. Viele deutsche Wis­senschaftler hät­ten, als sie vom nation­al­sozial­is­tis­chen Regime bedro­ht wor­den seien, in den 30iger Jahren in der Türkei Asyl bekom­men. Herr Paech erin­nerte an die großen Vor­leis­tun­gen, die die Türkei gegenüber dem West­en bish­er schon geleis­tet habe. Vergessen werde auch vol­lkom­men, dass mit Spanien und Por­tu­gal zwei Län­der erfol­gre­ich ein Europa inte­gri­ert wor­den seien, die sein­erzeit nicht nur weit hin­ter dem europäis­chen ökonomis­chen Entwick­lungsniveau ges­tanden hät­ten, son­dern auch kurz zuvor noch Mil­itärdik­taturen gewe­sen seien. In 15 Jahren Beitrittsver­hand­lun­gen kön­nte die Türkei enorme ökonomis­che Fortschritte machen, die den jet­zt noch beste­hen­den Unter­schied zum west­lichen Europa über­brück­en könnten.
Allerd­ings müsse aus men­schen­rechtlich­er Sicht in den näch­sten 15 Jahren der Annnäherung an Europa fol­gen­des in der Türkei und in Europa gelöst wer­den. Hier liege das größte und schwierig­ste Prob­lem: 1. Die Min­der­heit­en­frage. Die Türkei weise 26 Eth­nien und Sprachen auf. Die Angst vor dem Zer­fall wie damals zum Ende des Osman­is­chen Reich­es sitze als his­torische Last tief und müsse über­wun­den wer­den. Das könne nur im Rah­men ein­er Inte­gra­tion nach Europa geschehen. Das größte Prob­lem seien dabei die etwa 15 Mil­lio­nen Kur­den, deren Iden­tität und Selb­st­bes­tim­mungsrecht nach wie vor nicht akzep­tiert werde. Zwar habe sich for­mal die Türkei zum kur­dis­chen Kul­tur- und Sprachge­brauch geset­zlich bekan­nt, allerd­ings in der prak­tis­chen Umset­zung so hohe Hür­den in der Anwen­dung geset­zt, dass es prak­tisch zu keinen nen­nenswerten Verbesserun­gen für die Bevölk erung geführt hat. Europa müsse aber dafür sich für die Min­der­heit­en­frage selb­st öff­nen; es müsse offen­siv­er diese Fra­gen in die Ver­hand­lun­gen mit ein­brin­gen. Allerd­ings hat die europäis­che Gemein­schaft selb­st bish­er den einzel­nen Nation­al­staat­en dieses The­ma über­lassen. Hier könne ein gemein­samer Weg der gegen­seit­i­gen Bee­in­flus­sung gegan­gen wer­den. Die Zivilge­sellschaft Europas müsse dieses The­ma stärk­er in die Diskus­sion ein­brin­gen und Druck auf die Ver­hand­lung machen. Über nationale Par­la­mente und vor allem über das europäis­che Par­la­ment müsse diese Frage poli­tisch the­ma­tisiert werden.
2. Die Macht der Mil­itärs müsse gebrochen wer­den. Der mil­itärisch-indus­trielle­poli­tis­che Kom­plex , eine weit in die Gesellschaft ver­ankerte Herrschaftsstruk­tur, die jedes Prob­lem in der Türkei mil­itärisch lösen möchte, würde allerd­ings vom West­en im Rah­men der NATO selb­st aufrecht erhal­ten. Hier seien Chan­cen für die zivilge­sellschaftlichen Kräfte in allen Län­dern Europas, die sich gegen die zunehmende Mil­i­tarisierung wen­den. Die Gewalt in der Türkei sei kein „genetis­ch­er ver­ankert­er Schaden für Men­schen­rechtsver­let­zun­gen in der dor­ti­gen Gesellschaft“, son­dern würde wegen der Funk­tion­al­isierung der Mil­itärs als Vor­posten gegen islamis­che Kräfte durch den West­en geschürt. Die bish­er an der Ober­fläche nur verän­derten Geset­ze im Sinne der Anpas­sung an Europa sei ein gemein­samer Kampf der Zivilge­sellschaften um Men­schen­rechte und demokratis­che Refor­men. In diesem Zusam­men­hang wies Herr Paech auf die vielfälti­gen zivilge­sellschaftlichen Ini­tia­tiv­en jen­seits des etablierten Parteien­spek­trums hin (Selb­sthil­fe­grup­pen, Frauen­grup­pen, Men­schen­rechts­grup­pen, Min­der­heitenor­gan­i­sa­tio­nen), die ger­ade in den let­zten Jahren aus dem Boden geschossen sind. In diesem Punkt war Herr Paech sehr opti­mistisch, dass es durch sie zur Angle­ichung von europäis­chen Stan­dards kom­men werde. Als Beispiel nan­nte er das von den Mil­itärs und den nation­al­is­tis­chen Kräften erhobene Ver­bot und Verurteilung ein­er Gew­erkschaft wegen des Gebrauchs der Mut­ter­sprache, das von Gericht­en in Hin­blick auf die europäis­chen Stan­dards wieder aufge­hoben wurde. Hier täte sich Erstaunlich­es. Es wäre ein Ver­säum­nis, diese Kräfte nicht zu beacht­en und zu fördern. Diese Kräfte kön­nten nur in der Inte­gra­tion in die europäis­che Gesellschaft gestärkt und damit die Vorstel­lung, durch Krieg Demokratie durchzuset­zen, zurückge­drängt wer­den. Lei­der habe es allerd­ings in let­zter Zeit wieder einen Rück­fall in alte Zeit­en der Men­schen­rechtsver­let­zun­gen gegeben, über die man nicht hin­wegse­hen dürfe.
3. Die Folter in der Türkei richte sich zu 90% gegen die kur­dis­che Iden­tität. Deshalb sei deren Abschaf­fung eng mit der Lösung der kur­dis­chen Frage und der Erhal­tung der kur­dis­chen Iden­tität ver­bun­den. In diesem Zusam­men­hang kri­tisierte Paech die europäis­chen Regierun­gen, vor allem auch die deutsche Regierung, die aus Rück­sicht auf die türkische Regierung die kur­dis­che Frage bish­er negiert habe, sog­ar aktiv sie hier unter­drück­en würde. (PKK –Ver­bot, PKK als ter­ror­is­tis­che Vere­ini­gung, Ver­bot der kur­dis­chen Zeitung auf Druck der türkischen Regierung) Herr Paech wies am Ende darauf hin, dass alle Men­schen­recht­sor­gan­i­sa­tio­nen in der Türkei trotz ihrer bish­eri­gen Ent­täuschun­gen über den bish­eri­gen Ver­lauf der Ver­hand­lun­gen vehe­mente Ver­fechter für die Inte­gra­tion der Türkei in die EU sind. Nur so würde man auf die Dauer die von den türkischen Mil­itärs gewalt­sam durchge­set­zte Tren­nung von Reli­gion und Poli­tik aufrechter­hal­ten und gle­ichzeit­ig das Mil­itär, und damit Krieg, Gewalt und Men­schen­rechtsver­let­zun­gen zurück­drän­gen kön­nen. Herr Paech wies darauf hin, dass die Türkei als vornehm­lich islamis­ches Land bish­er gegen AL Kai­da –Ter­ror­is­ten immun sei. Um das weit­er­hin zu bewahren, sei der Weg der Türkei nach Europa unumgänglich.
Die neuen und alten Atavis­men wie z.B. die Ehren­morde wür­den nur Über­gangsphänomene zur Mod­erne sein und kön­nten am besten durch Bekämp­fung der Armut, der Über­win­dung der Aus­gren­zung, der Inte­gra­tion und Öff­nung und mit einem mod­er­nen Strafrecht zurückge­drängt wer­den. In diesem Zusam­men­hang wurde auf die in den let­zten Jahren stark anschwellende Frauen­be­we­gung in der Türkei hingewiesen, die diese Fra­gen längst ange­gan­gen hätten.
In ein­er kon­tro­ver­sen Diskus­sion vertei­digte Herr Paech aus völk­er­rechtlich­er Sicht (von inter­na­tionalen Kon­ven­tio­nen gedeckt) den bewaffneten Kampf der PKK als Notwehrge­walt, nach­dem zuvor auf friedlichem Wege die aggres­sive Assim­i­lierungspoli­tik des türkischen Staates gegenüber den Kur­den, ein­herge­hend mit ein­er enor­men Repres­sion, nicht gestoppt wer­den kon­nte. Er wies allerd­ings gle­ichzeit­ig darauf hin, dass er schon früh Her­rn Özcalan zu überzeu­gen ver­suchte, dass dieser bewaffnete Kampf mil­itärisch sinn­los und poli­tisch aufzugeben sei, wie es dann auch 1999 vol­l­zo­gen wor­den sei. Anschließend berichtete Frau Dr. med. Gisela Pen­tek­er, Türkeibeauf­tragte der IPPNW, über die gesund­heitliche Versorgung.
Sie wies darauf hin, dass die Türkei früher ein auch für Europa mod­ernes Gesund­heitswe­sen mit ein­er starken Ori­en­tierung auf Basisver­sorgung und Präven­tion hat­te. Dieses Sys­tem mit vier Ver­sorgungsebe­nen: Gesund­heit­sposten, Ambu­la­to­rien, Kranken­häuser, uni­ver­sitäre Ein­rich­tun­gen habe mehr oder weniger gut funk­tion­iert. Heute sei die Basisver­sorgung allerd­ings ganz wegge­brochen, die Gesund­heit­sposten, vor allem auf dem Land und im Südosten der Türkei seien ver­waist, in den Ambu­la­to­rien und auch Kranken­häusern fehlten die Ärzte. Von den früheren Gesund­heit­spräven­tion­spro­gram­men, die kosten­los für jeden gewe­sen seien, würde nur noch das Tuberku­lose­pro­gramm existieren. Vor allem das Weg­brechen der Mut­ter –Kind Ein­rich­tun­gen habe die Säuglingssterblichkeit in die Höhe schnellen lassen, im Südosten der Türkei so hoch wie in Banglade­sch. Ursache sei der Krieg und die vom IWF aufgezwun­genen Struk­tu­ran­pas­sung­spro­gramme, die wirtschaft­slib­er­al­is­tis­che Struk­turen auch im Gesund­heitswe­sen forderten. So gäbe es dur­chaus im West­en eine hochmod­erne, mit europäis­chen Stan­dards zu messende Uni­ver­sitätsmedi­zin, während vor Ort, vor allem in den armen Vierteln der Städte imWest­en, den Randge­bi­eten aller großen Städte und auf dem Lande im Südosten es an Ärzten, Ein­rich­tun­gen, Medika­menten, ja an allem fehlen würde. In Diyabarkir, wo sich in den let­zten 20 Jahren die Bevölkerung vervier­facht hätte, seien die Gesund­heit­sposten und ambu­lanten Gesund­heit­sein­rich­tun­gen von 300 auf 30 geschrumpft. The­o­retisch seien alle Medika­mente vorhan­den, nur seien sie für die Masse der Leute nicht bezahlbar.
Das gilt vor allem für zurück­gekehrte Flüchtlinge und Ver­triebene, deren Fam­i­lien­struk­turen und sozialen Net­ze auseinan­derge­brochen seien. Selb­st Ver­sicherte müssten, um im Kranken­haus operiert zu wer­den, das soge­nan­nte Ein­tritts­geld, das „Messergeld“ bezahlen. Zunehmend wür­den Ärzte in pri­vat­en Prax­en arbeit­en, sie seien dazu mehr und mehr sogar
gezwun­gen und fehlten deshalb in den sta­tionären Ein­rich­tun­gen. z.B. nach­mit­tags würde man kaum noch Ärzte in den Ambu­la­to­rien oder Kranken­häusern antr­e­f­fen, selb­st in solchen Ein­rich­tun­gen, die Ver­sicherten zugänglich seien. Die Mit­tel für das Gesund­heitswe­sen wür­den zen­tral von Ankara verteilt und unter­lä­gen ein­er parteilichen Begün­s­ti­gung. Für nor­male  oder mit­tel­lose Per­so­n­en sei diese Gesund­heitsver­sorgung nicht erre­ich­bar. Die Yesilka­rte, früher gedacht als Ver­sorgungskarte für Arme, Bedürftige und Mit­tel­lose, sei keine Ver­sicherung mehr und sei angesichts des großen Heeres bedürftiger Men­schen auch nut­z­los geworden.
Für rück­kehrende Flüchtlinge sei sie in der Regel nicht zu haben. Denn 1. müsse man polizeilich gemeldet wer­den und die meis­ten wür­den sich aus Angst nicht reg­istri­eren lassen, zum anderen besäßen viele Kur­den aus dem Südosten, obwohl sie nicht in ihre Dör­fer zurück­kehren kön­nen, formell und auf dem Papi­er Häuser und Äck­er und damit Besitz, was zum Auss­chluss ein­er Yesilka­rte führen würde. In der Regel hätte diese Gruppe keinen Recht­sanspruch. Die Gesund­heit­sre­form im näch­sten Jahr sähe zwar vor, dass Pri­vat­per­so­n­en, die Geld ver­di­enen wür­den, ins Gesund­heitswe­sen ein­zahlen müssten und damit auch die finanzieren sollen, die mit­tel­los und nicht bezahlen kön­nten. jed­er solle schließlich behan­delt wer­den. Experten sind aber sehr skep­tisch, weil viel zu wenig Geld in diesem Sys­tem hineingesteckt würde und deshalb ein pri­va­tor­gan­isiertes Gesund­heitswe­sen nicht funk­tion­ieren kann.
Zwar gibt es an allen größeren Häusern Psy­chi­a­trien, diese seien in ihrer Ther­a­pie aber rein medika­men­tös aus­gerichtet. Psy­chother­a­pi­en gibt es nur in den großen Städten und nur auf pri­vater Basis. Lediglich die Behand­lungszen­tren bieten Ther­a­pie ohne Bezahlung an, sind aber hoff­nungs­los über­lastet. Außer­dem kön­nen sie die erforder­liche Sicher­heit ihrer Patien­ten nicht garantieren, was ja Vor­raus­set­zung für die Aufar­beitung trau­ma­tis­ch­er Erleb­nisse nötig wäre. Manche Behan­dler in diesen Zen­tren sind selb­st von Repres­sion, Ankla­gen und Gefäng­nis­strafen bedro­ht. In ihren Bericht­en habe sie immer wieder auf die fehlende Möglichkeit­en von Ther­a­pie bei trau­uma­tisierten Flüchtlin­gen und Folteropfer hingewiesen, die Berichte des Auswär­ti­gen Amtes seien ein­fach in diesem Punkt falsch. Frau Dr. med. Wirt­gen wies in diesem Zusam­men­hang darauf hin, dass die Kol­le­gen im Früh­jahr bei ihren Besuchen in Behör­den und Min­is­te­rien auf diesen Man­gel hingewiesen hät­ten, bish­er dieses aber nicht in den Bericht­en umge­set­zt wor­den sei.
Ins­ge­samt war dieser Nach­mit­tag für Experten und Nicht Experten in Sachen Türkei ein großer Gewinn und Anlass zum Nachdenken.
Die Türkei wird uns auch über das Jubiläum­s­jahr hin­aus weit­er beschäfti­gen, ins­beson­dere in der finanziellen Unter­stützung der Arbeit der Behand­lungszen­tren und ein­er Prozess­beobach­tung, wofür wir auch weit­er­hin Spenden sam­meln. (siehe Spende­naufruf, Artikel im Dossier)

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Behandlungsmöglichkeiten für Gefolterte und Traumatisierte und Zugang zur Gesundheitsversorgung in der Türkei

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir möcht­en auf die Veröf­fentlichung “Behand­lungsmöglichkeit­en für Gefolterte und Trau­ma­tisierte und Zugang zur Gesund­heitsver­sorgung in der Türkei” des IPPNW Deutsch­land  (Deutsche Sek­tion der Inter­na­tionalen Ärzte für die Ver­hü­tung des Atomkrieges/Ärzte in sozialer Ver­ant­wor­tung e. V./International Physi­cians for the Pre­ven­tion of Nuclear War) hinweisen.

Der Bericht beruht auf dem Gespräch mit Yavuz Önen, Vor­sitzen­der des türkischen Men­schen­rechtsvere­ins TIHV in Ankara, und
Dr. med. Alp Ayan, Psy­chi­ater des Reha­bil­i­ta­tion­szen­trums der TIHV in Izmir, mit denen auf der Tagung des Aktion­snetz Heil­berufe in Berlin am 28.05.2005 gesprochen wurde.

Den Text kön­nen sie hier herunterladen:

 

Sie kön­nen hier den gesamten Text direkt lesen:

Die bei­den Men­schen­rechtler waren Ref­er­enten auf ein­er Tagung des „Aktion­snet­zes der Heil­berufe in Amnesty Inter­na­tion­al“ in Berlin am 28.5.2005. Diese Gele­gen­heit nutzten Mit­glieder des IPP­NW-Arbeit­skreis­es Flüchtlinge / Asyl zu Gesprächen mit Her­rn Önen und Her­rn Ayan und poli­tis­chen Entscheidungsträgern.
Gespräche fan­den am 27.5.2005 statt: im Auswär­ti­gen Amt, im Bun­deskan­zler­amt, beim Men­schen­rechts­beauf­tragten der Bun­desregierung und beim Bun­de­samt für Migra­tion und Flüchtlinge, BAMF.

Im Fol­gen­den fassen wir die Aus­sagen von Yavuz Önen und Dr. Alp Ayan zusammen:
Die Arbeit mit Gefolterten in den Reha­bil­i­ta­tion­szen­tren der TIHV:
Seit 15 Jahren arbeit­et die Stiftung mit Folteropfern. Zur Zeit gibt es 5 Reha­bil­i­ta­tion­szen­tren in Ankara, Istan­bul, Izmir, Adana und Diyarbakir. In diesem Zeitraum haben sich 10 000 Men­schen an die Stiftung gewandt. Die Gesamtzahl der Gefolterten in der Türkei ist um ein Vielfach­es höher, die Stiftung spricht von ein­er Mil­lion gefolterten Men­schen in der Türkei. 2004 hat es in der Stiftung 922 Anfra­gen gegeben, 2005 (bis Novem­ber) 655. Es existieren Wartelis­ten, da nicht alle Per­so­n­en, die z.B. aus den Gefäng­nis­sen ent­lassen wer­den, sofort einen Ther­a­pieplatz bekom­men können.
Die Klien­ten haben vielschichtige Prob­leme und Bedürfnisse, soziale Not, kör­per­liche Ver­let­zun­gen und psy­chis­che Trau­mafol­gen. Eine Behand­lung von Folteropfern ist nur erfol­gver­sprechend, wenn die Rah­menbe­din­gun­gen stim­men. Es braucht soziale und juris­tis­che Sicher­heit, die Anerken­nung des erlit­te­nen Unrechts als Unrecht und Ver­trauen in die Helfer.
Da diese Rah­menbe­din­gun­gen nur in sel­te­nen Fällen gewährleis­tet wer­den kön­nen, beschränkt sich die Ther­a­pie oft auf Krisen­man­age­ment und Stabilisierung.
In den Zen­tren gibt es in der Regel drei fest angestellte Mitar­beit­er, einen Arzt für die Auf­nah­mege­spräche, einen Psy­cholo­gen und einen Sozialar­beit­er. Daneben gibt es eine wech­sel­nde Zahl von ehre­namtlich mitar­bei­t­en­den Ärzten ver­schieden­er Fachrichtungen.
Das Zen­trum in Izmir hat­te bis jet­zt mit Dr. Ayan einen fest angestell­ten Psychiater.
Wenn er jet­zt für ein Jahr zur Weit­er­bil­dung in die USA geht, muss auch seine Arbeit von ehre­namtlichen Kol­le­gen über­nom­men wer­den. Diese haben oft keine Aus­bil­dung in Trau­mather­a­pie und nur sehr begren­zte Kapaz­itäten, z.B. eine Ther­a­pi­es­tunde pro Woche. Pro Monat kann nur ein neuer Patient angenom­men werden.
In den Zen­tren der Stiftung bzw. in deren Umfeld arbeit­et fol­gen­des Fach­per­son­al, wobei auch hier nicht alle Psy­chi­ater eine Trau­maaus­bil­dung haben:
— Diyarbakir für ca. 4 Mil­lio­nen Ein­wohn­er: 4 Psy­chi­ater, davon 2 extern (nur ein­er von ihnen kann Kur­disch. Kur­disch kann aber sowohl ein Vorteil als auch ein Nachteil sein, wenn die Ther­a­pie nicht in der eige­nen Sprache, son­dern nur in der Regierungssprache möglich ist), neu: 1 aus­ge­bilde­ter Psychologe.
— Adana: 1 Psy­chi­ater ohne Zusatzaus­bil­dung (Behand­lung nur mit Medikamenten)
— Ankara: 1 extern­er Psychiater
— Izmir: 4 Externe arbeit­en in ihren Prax­en, davon 1 Psy­chi­ater, der aber nur 2 Std. in der Woche tätig sein kann
— Istan­bul: ein intern­er Psy­chi­ater (Halb­tagsstelle), auch wenig Externe; keine genauen Kenntnisse.
Psy­chi­ater in der Türkei haben große Berührungsäng­ste mit dem The­ma Folter und wollen vor allem aus zwei Grün­den nicht in diesem Bere­ich arbeiten:
1. gibt es juris­tis­che Prob­leme. Immer wieder sind Mitar­beit­er der Stiftung und ehre­namtlich mitar­bei­t­ende Ärzte unter Anklage gestellt und auch zu Geld oder Gefäng­nis­strafen verurteilt wor­den. (z.B. in Izmir 2 x 18 Monate) Selb­st wenn es nicht zur Verurteilung kommt, sind diese Ver­fahren eine große Belas­tung. Seit Jahren wer­den die Stiftun­gen und ihre Mitar­beit­er wegen ihrer Men­schen­recht­sar­beit in zahlre­ichen Prozessen angeklagt, wobei die Ver­hand­lun­gen ( z.B. 300 Tage in Hauptver­hand­lun­gen für Dr. Ayan) sich im all­ge­meinen über viele Jahre hinziehen, was für die Betrof­fe­nen per­sön­liche Belas­tun­gen und Behin­derun­gen der Arbeit bedeutet, und für die Men­schen, die Hil­fe suchen, Verun­sicherung und Gefährdung.
2. ist die Arbeit mit Folteropfern sehr belas­tend für die Psy­che der Therapeuten.
Viele Kol­le­gen been­den deshalb diese Arbeit vorzeit­ig, zumal es in der Türkei bish­er keine Super­vi­sion gibt. Lediglich eine Kol­le­gin aus Süd­deutsch­land hat in Izmir einige Super­vi­sion­ssitzun­gen angeboten.

Nach dem Todes­fas­ten in den türkischen Gefäng­nis­sen wur­den viele Gefan­gene mit einem Wer­nicke-Kor­sakow-Syn­drom ent­lassen. Viele melde­ten sich in den Zen­tren der Stiftung, die dadurch völ­lig über­lastet waren und seit­dem Wartelis­ten haben.
Laut Satzung wer­den in den Zen­tren der Stiftung alle Folteropfer angenom­men, auch diejeni­gen, die aus dem Aus­land zurück kom­men, z.B. auch aus dem Irak oder aus Guantanamo.
Es gibt auch von Seit­en der Folteropfer Hemm­schwellen, sich an die Stiftung zu wenden.
Die Stiftung ste­ht zwar nicht im Ver­dacht, mit dem Staat zusam­men zu arbeit­en, sie kann ihre Klien­ten aber auch nicht sich­er schützen. Immer wieder wur­den in der Ver­gan­gen­heit Polizeirazz­ien in den Zen­tren durchge­führt und Akten und Com­put­er beschlagnahmt. Trotz aller Beteuerun­gen der Regierung hat das bish­er in keinem Fall dazu geführt, dass die in den Akten aufge­führten Folter­fälle von den Sicher­heit­skräften ver­fol­gt und die genan­nten Folter­er angeklagt wor­den wären.
Außer­dem ist es für Men­schen schwierig, in die Zen­tren zu kom­men, wenn sie nicht in der Nähe wohnen. Eine kon­tinuier­liche, oft lang­wierige Ther­a­pie ist dann nur möglich, wenn sie Ver­wandte in der Nähe haben, bei denen sie unterkom­men kön­nen. Wenn die Patien­ten lebenslang behan­delt wer­den müssen, müssen sie vor Ort wohnen. Wenn größere Abstände der ther­a­peutis­chen Sitzun­gen möglich sind, kön­nen sie von weit­er her kom­men. Viele Men­schen jedoch kön­nen nicht kom­men, weil sie zu weit ent­fer­nt wohnen.
Der Erfolg der ther­a­peutis­chen Arbeit ist für die Kli­entIn­nen abhängig von ein­er ver­trauensvollen Beziehung, einem sicheren Umfeld, sozialer Unter­stützung und Arbeitsmöglichkeit­en, daneben eben­so von der Anerken­nung des Erlit­te­nen, der Äch­tung der Folter und der Bestra­fung der Folterer.
Ther­a­peutis­che Ange­bote für Klien­ten beste­hen in Milieuther­a­pie, Stützung des Umfelds und in direk­tem Schutz, d.h., wenn sich jemand an die Stiftung wen­det oder gewandt hat, dann wird ver­sucht, für den Klien­ten einen “inter­na­tionalen Schutz” zu erreichen.
Sog­ar bei ein­er Behand­lung im TIHV bedeutet es für die Klien­ten eine Über­win­dung hinzuge­hen. Anfangs haben sie auch kein Ver­trauen zum TIHV. Es dauert für die Mitar­beit­er oft Monate, bis sie an den Kern der Geschichte vor­drin­gen können.
Das Prob­lem des sozialen Umfelds, der sozialen Sicher­heit soll an einem Beispiel erläutert wer­den, wobei es um die Rolle der Dorf­schützer geht:
Dorf­schützer sind ein Teil des Sys­tems und erhal­ten vom Staat eine Art monatlich­es Gehalt und Waf­fen. Obwohl die geflüchteten Dorf­be­wohn­er offiziell noch die Felder in ihren Dör­fern besitzen, bear­beit­en in der Real­ität die Dorf­schützer diese Felder.
Die Dorf­schützer sind weit­er in den Dör­fern und passen auf, dass sie ihre Priv­i­legien nicht ver­lieren und eben­so, dass die Felder nicht verkauft wer­den kön­nen. Auch die Grund­buchämter ver­hin­dern, dass die früheren Besitzer dort hinge­hen können.
Für den Fall, dass die Dorf­be­wohn­er zurück­kehren wollen, bekom­men sie daher Schwierigkeit­en oder sind in Gefahr ( z.B. Todes­fälle von Rückkehrern!).

Dr. Alp Ayan:
„In der Türkei wur­den von Trau­mather­a­peuten Stan­dards für die spez­i­fis­che und umfassende Behand­lung von kör­per­lichen und psy­chis­chen Trau­ma- und Folter­fol­gen entwick­elt: Vor­rangig gilt, solange die Gefahr der Retrau­ma­tisierung beste­ht, kann keine Ther­a­pie erfol­gre­ich stat­tfind­en. Entschei­dend ist das soziale Gefüge während der Ther­a­pie, jedoch befind­en wir uns auch da auf dün­nem Eis, wenn z.B. das Trau­ma evtl. etwas mit dem Vater zu tun hat. Eben­so ist bei jed­er — wenn evtl. auch begren­zten — Fes­t­nahme eine Extrem­trau­ma­tisierung (Retrau­ma­tisierung) zu befürcht­en. Eben­so ist es bei der Kon­fronta­tion mit dem Ort der Gefahr, der Folter.
Es muss sehr sen­si­bel mit dem Umfeld umge­gan­gen werden.
Im Sinne des sozialen Umfelds müssen die Mitar­beit­er und
Men­schen­rechtsvertei­di­ger in den Stiftun­gen zusät­zlich beurteilen: Ist es in der Türkei zu ein­er Besserung gekom­men, wird noch gefoltert? Wie funk­tion­iert der Rechtsstaat? Entsprechen Richter/Gerichtsurteile rechtsstaatlichen Stan­dards oder sind sie men­schen­ver­ach­t­end? Dies ist in der Türkei der Fall. Wie ste­ht es mit der Straflosigkeit?“
Für den Fall, dass eine große Anzahl Men­schen in den Stiftun­gen um Hil­fe bit­ten wür­den, gäbe es ein Prob­lem der Kapaz­ität. Die Mitar­beit­er kön­nten ihre Stan­dards nicht mehr aufrechter­hal­ten und müssten dies veröf­fentlichen. Die Kapaz­itäten der Stiftung sind auch durch finanzielle Schwierigkeit­en begren­zt, so dass die Mitar­beit­er bere­its jet­zt an ihren Gehäl­tern und Räum­lichkeit­en sparen, nicht aber an der Qual­ität ihrer Arbeit.
Trau­mather­a­pie außer­halb der Reha­bil­i­ta­tion­szen­tren der TIHV
Im West­en der Türkei gibt es einige Psy­chi­ater mit ein­er Zusatzaus­bil­dung für Trau­mather­a­pie. Sie arbeit­en in pri­vater Prax­is, müssen in der Regel pri­vat bezahlt wer­den. Im Osten gibt es keine speziell aus­ge­bilde­ten Psy­chi­ater und nur wenig Möglichkeit­en, eine Ther­a­pie zu bekom­men. In Tunceli gibt es z.B. gar keine Psy­chi­ater. Die Zahl der Fachärzte ist sehr klein.
Nur medika­men­töse Ther­a­pie ist möglich, bei psy­chis­chen Trau­mafol­gen aber nur als unter­stützende Behand­lung sinnvoll.
In den psy­chi­a­trischen Kranken­häusern im Osten der Türkei gibt es keine Psy­chi­ater mit ein­er entsprechen­den Zusatzaus­bil­dung. Für Folteropfer ist es auch kaum möglich, in einem staatlichen oder Uni­ver­sität­skranken­haus behan­delt zu werden.
Eine wichtige Voraus­set­zung für die Behand­lung ist das Ver­trauen des Patien­ten in den Ther­a­peuten. Ein Opfer staatlich­er Gewalt kann dieses Ver­trauen in einem  staatlichen Kranken­haus kaum entwick­eln, in dem sich schon am Ein­gang ein Polizeiposten befind­et, in dem über­all Bilder des Staats­grün­ders Atatürk und türkische Fah­nen hän­gen, in dem sich auf lan­gen Fluren unüber­sichtlich viele Men­schen drängen.

Retrau­ma­tisierung
Dr. Alp Ayan:
„Die Frage der Retrau­ma­tisierungs­ge­fahr sollte in Rela­tion geset­zt wer­den zu der Häu­figkeit von Trau­ma­tisierung bei Folteropfern. Laut inter­na­tionaler Sta­tis­tiken ist eine Erkrankung­shäu­figkeit für PTSD und komor­bide Störun­gen 35–40 %. Wichtig sei dabei festzustellen , dass sich das Krankheits­bild ein­er PTSD o.ä. oft erst nach vie­len Jahren zeigt. Auch eine Gefolterte®, der/die nur unter Alb­träu­men lei­det oder gar keine Symp­tome hat, könne sich plöt­zlich umbrin­gen oder erst nach ca. 30 Jahren Symp­to­matik bekom­men (Trau­ma führt zu Ver­mei­dung, der Gefolterte will vergessen, dadurch entste­ht ein Energi­es­tau, wodurch es plöt­zlich zum Aus­bruch der Symp­to­matik kom­men kann) . Eine Sta­tis­tik zur Retrau­ma­tisierung sei daher nicht möglich, die Gefahr jedoch immer zu bedenken.“
Yavuz Önen, IHD:
„Es gibt keine inländis­che Fluchtal­ter­na­tive, da die Men­schen nicht sich­er sind, dass sie erneut festgenom­men wer­den. In Istan­bul und in anderen Städten ist es z.B. nicht erlaubt als „fliegende Händler“ zu arbeit­en. Bei Kon­trollen ist der  Geburt­sort entscheidend“.

Zugang zur Gesundheitsversorgung
Für mit­tel­lose Men­schen gibt es in der Türkei die „Yesil Kart“, die beim Gou­verneur beantragt wer­den muss. Sie berechtigt zur Behand­lung in Gesund­heitssta­tio­nen, staatlichen Kranken­häusern und auf Über­weisung auch in den meis­ten Uni­ver­sität­skliniken. Seit einem Jahr wer­den auch Medika­mentenkosten abgedeckt.
Es gibt jedoch viele Hin­dernisse. Im Südosten bekom­men ca. 70% der Antrag­steller keine Karte. Nach dem Gesetz muss zwar eine Bescheini­gung über die Gründe ein­er Ver­weigerung der Grü­nen Karte aus­gestellt wer­den; dies geschieht in der Prax­is nicht. Kommt ein Antrag­steller mit einem Recht­san­walt, heißt es, der Antrag sei nicht abgelehnt, er sei noch im Entschei­dung­sprozess. In den Großstädten im West­en ist es etwas bess­er. Hier gibt es manch­mal Sozialar­beit­er, die helfen.
Gründe:
Bin­nen­ver­triebene sind oft nicht gemeldet, die Kom­mune ver­weigert die Reg­istrierung. Bin­nen­ver­triebene gel­ten nicht als bedürftig, weil sie in ihrem Heimat­dorf noch als Besitzer eines Haus­es oder Feldes einge­tra­gen sind, über das sie allerd­ings nicht ver­fü­gen kön­nen, weil z.B. Dorf­schützer Haus und Hof nutzen.
Die Antrag­steller wer­den sehr schlecht behan­delt, beson­ders wenn sie aus den kur­dis­chen Gebi­eten kom­men. („Geh doch zur PKK, sollen die für Dich sor­gen!“) Anträge wer­den über lange Zeit nicht bearbeitet.

Folter und Straflosigkeit im Jahre 2005

Die Prax­is entspricht nicht den Geset­zen und inter­na­tionalen Abkommen:
a) Keine zügige Strafver­fol­gung der Folterer;
b) keine Haft­be­fehle gegen Folterer;
c) falls über­haupt Strafen, dann nur geringe;
d) ganz wenige Folter­er sind bestraft worden;
e) keine Sus­pendierun­gen, lange Ver­fahrens­dauer; angeklagte Folter­er kom­men oft nicht zu den Ver­hand­lun­gen, sie bekom­men ihre Rente und haben nichts zu befürchten.
Beispiel: 2004 wur­den 13 Ver­fahren gegen Folter­er ein­geleit­et, 54 Beamte wur­den angeklagt, nur 4 verurteilt (sie wur­den jedoch nur versetzt).
IHD und TIHV veröf­fentlichen jährlich Berichte und Sta­tis­tiken über Folter. Durch die Anmel­dun­gen beim TIHV beste­ht Ken­nt­nis zu Folter und den damit im Zusam­men­hang ste­hen­den Umstän­den, Polizei­haft usw. in allen Provinzen:
— nur in 16 % hat­ten die Klien­ten die Möglichkeit, einen Recht­san­walt hinzuzuziehen,
— nur in 27% wur­den sie einem Arzt vorgeführt.
— 58,9% der beim TIHV angemelde­ten Klien­ten sind nicht reg­istri­erte und schw­er gefolterte Menschen.
— von den durch TIHV reg­istri­erten Fällen haben sich 55% bei den Fes­t­nah­men länger in Haft befun­den als geset­zlich vorgesehen.
— die neuerd­ings ange­wandten Folter­meth­o­d­en führen zu weniger offen­sichtlichen Spuren; die Fol­gen sind meist unsichtbar.
— 83,9% Folter­maß­nah­men bei poli­tis­chen Gefan­genen; Rest­prozentsatz bei krim­inellen Häftlingen.
— die Zahl der angemelde­ten Men­schen, die im Osten und Südosten geboren sind, hat sich abso­lut vermehrt.
— die schlecht­en Haftbe­din­gun­gen haben sich eben­so ver­schlim­mert: sowohl bei den all­ge­meinen Recht­en, Ernährung, Hygiene, Gesund­heitssi­t­u­a­tion, Iso­la­tion, ins­bes. gegenüber poli­tisch Gefan­genen. Auf­grund dieser Tat­sachen kommt es zu Protesten und Hunger­streiks, die auch zu Todes­fällen führen.

München/Berlin im Jan­u­ar 2006

Dr. med. Wal­traut Wirtgen
(FA F Psy­chother­a­peutis­che Medi­zin, Psy­cho­analyse, freie MItar­bei­t­erin bei Refu­gio München), Dr. med. Gisela Pen­tek­er (Türkeibeauf­tragte der IPPNW)

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