Vorstellung des ai-Arbeitskreises Medizin/Psychologie/Pflege

Laden Sie hier den Info­mar­tion­s­text “Vorstel­lung des ai-Arbeit­skreis­es Medizin/Psychologie/Pflege” aus dem  Jahr 1999 von Dr. Ulrike Heckl herunter:

1999 vorstellung_arbeitskreis

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Der Arbeit­skreis „Medi­zin / Psy­cholo­gie / Pflege“, der inzwis­chen alle Heil­berufe umfaßt, wurde 1979 noch als Arbeit­skreis „Ärzte — Psy­cholo­gen“ gegrün­dete, 1982 in den Arbeit­skreis „Medi­zin — Psy­cholo­gie“ umbe­nan­nt und hat sich inzwis­chen zum Arbeit­skreis „Medi­zin / Psy­cholo­gie / Pflege“ erweit­ert. Seit 1995 ist der Arbeit­skreis in das „Health Pro­fes­sion­al Net­work“ von ai einge­bun­den, das sich weltweit die Aufdeck­ung und Präven­tion von Men­schen­rechtsver­let­zun­gen im Gesund­heitswe­sen zum Ziel geset­zt hat.
In Deutsch­land unter­stützen mehr als 2000 Per­so­n­en, die in Heil­berufen tätig sind, die Arbeit von ai, indem sie für ver­fol­gte Beruf­skol­legin­nen und ‑kol­le­gen sowie andere Opfer von Men­schen­rechtsver­let­zun­gen ein­treten, sich gegen willkür­liche Inhaftierun­gen, Folterun­gen, „Ver­schwinden­lassen“ von Per­so­n­en, extrale­gale Hin­rich­tun­gen und gegen die Todesstrafe wen­den. In Kon­takt zu Berufsver­bän­den und Fachzeitschriften ist das Ziel, nicht nur eine Gefan­genen­hil­fe zu ini­ti­ieren, son­dern darüber­hin­aus auch über den Mißbrauch von ärztlich­er und psy­chol­o­gis­ch­er Kom­pe­tenz zu poli­tis­chen Zweck­en aufk­lären. Weit­er­hin sehen sie in der Ver­mit­tlung von medi­zinis­ch­er und psy­chother­a­peutis­ch­er Hil­fe für physisch und psy­chisch geschädigter Asyl­suchen­den eine wesentliche Auf­gabe.
Psy­cholo­gen und Psy­chother­a­peuten sind wohl von Beginn an im Arbeit­skreis vertreten gewe­sen, jedoch meist nur in geringer Zahl. Dieses man­gel­nde Engage­ment ste­ht in keinem Ver­hält­nis zu der Bedeu­tung der Psy­cholo­gie, die sie für die Aufdeck­ung und Bekämp­fung von Men­schen­rechtsver­let­zun­gen in den ver­gan­genen Jahren bekom­men hat. Psy­chol­o­gis­che Forschungsergeb­nisse dienen nicht nur dem Ver­ste­hen der psy­chis­chen Fol­gen von Folter und der psy­chother­a­peutis­chen Behand­lung von Folteropfern, son­dern mehr und mehr sind die Erken­nt­nisse aus der Ver­hal­tens- und Kom­mu­nika­tion­spsy­cholo­gie in die Ver­feinerung von „Tech­niken“ der Mißhand­lung und Folterung von Gefan­genen einge­flossen. Obwohl Psy­cholo­gen als direk­te Beteiligte bei Folterun­gen kaum in Erschei­n­ung treten, bzw. ihre Mit­täter­schaft — u. a. auch in der Aus­bil­dung von Folter­ern — nur spär­lich doku­men­tiert ist, ist doch davon auszuge­hen, daß etliche an der Entwick­lung und Pla­nung von Folter­meth­o­d­en, die kaum nach­weis­bare Spuren hin­ter­lassen, beteiligt sind (Stich­wort „saubere Folter“) und mit ihren Erfahrun­gen aus der Klin­is­chen Psy­cholo­gie plan- und absichtsvoll die Langzeitwirkung von Folter ver­stärken helfen. Auf diese Weise wird die wis­senschaftliche Psy­cholo­gie mißbraucht und zum Schaden der Ver­fol­gten einge­set­zt.
Dabei tra­gen Psy­chologIn­nen, wie viele andere im Gesund­heitswe­sen Tätige, ein spez­i­fis­ches Risiko. Im Rah­men ihrer beru­flichen Tätigkeit kom­men sie u. a. auch in Kon­takt mit Opfern von Men­schen­rechtsver­let­zun­gen oder mit Per­so­n­en, die von Ver­stößen gegen Men­schen­rechte bedro­ht sind. Somit gehören Psy­chologIn­nen und Psy­chother­a­peutIn­nen zum Kreis ver­fol­gter Heil­beru­fler, wenn sie die Meth­o­d­en der psy­chol­o­gis­chen Folter, die ver­heeren­den psy­chis­chen Langzeit­fol­gen von exis­ten­tieller Bedro­hung, Inhaftierung , Iso­la­tion und Folter aufdeck­en, doku­men­tieren und anprangern. Dies gilt beson­ders, wenn sie vor Ort in Men­schen­recht­sar­beit involviert sind und ver­suchen, den Gefolterten ther­a­peutis­che Hil­fe und Unter­stützung zukom­men zu lassen. In vie­len Staat­en sind Behand­lungszen­tren ent­standen, in denen Kol­legIn­nen zusam­men mit Vertretern ander­er Pro­fes­sio­nen, ver­suchen, den Opfern eine Hil­fe zum Über­leben zu geben. Diese Per­so­n­en sind jedoch oft bedro­ht und ver­fol­gt, und manche wer­den selb­st gefoltert und ermordet. Vor diesem Hin­ter­grund sieht der Arbeit­skreis es auch als eine wesentliche Auf­gabe, dabei zu helfen, die hiesi­gen Behand­lung­sein­rich­tun­gen mit denen der Ver­fol­ger­staat­en zu ver­net­zen, um  Krisen­mech­a­nis­men für die bedro­ht­en Kol­legIn­nen zu schaf­fen. So ist es z. B. in der Türkei bere­its zu wirk­samen Paten­schaften mit bre­it­er inter­na­tionaler Unter­stützung gekom­men.
Die konkreten Hil­fen für die medi­zinisch — psy­chosozialen Fol­gen staatlich­er Ver­fol­gung und Gewalt wer­den in den psy­chosozialen Behand­lungszen­tren, die inzwis­chen in mehreren bun­des­deutschen Städten ent­standen sind, geleis­tet. Die Unter­stützung dieser Arbeit bildet einen Schw­er­punkt im Arbeit­skreis.
Mit dem Ziel ein­er größeren Sen­si­bil­isierung der Rolle der Psy­cholo­gie im Zusam­men­hang mit Men­schen­rechtsver­let­zun­gen ist die Etablierung des The­mas Men­schen­recht­serziehung in den Cur­ric­u­la der psy­chol­o­gis­chen Insti­tute, Aus- und Fort­bil­dung­sein­rich­tun­gen ein zen­trales Anliegen des Arbeit­skreis­es.

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