Bericht von der Fachtagung “Menschenrechtsverletzungen an Menschen mit psychischen Erkrankungen, Epilepsie und geistiger Behinderung” am 16.02.2019 in Kassel

Men­schen­rechtsver­let­zun­gen an Men­schen mit psy­chis­chen Erkrankun­gen, Epilep­sie und geistiger Behin­derung

Aktion­snetz Heil­berufe von Amnesty Inter­na­tion­al ver­anstal­tete inter­na­tionale Fach­ta­gung in Kas­sel

 Am 16.02.2019 fand im Gießhaus der Uni­ver­sität Kas­sel eine Fach­ta­gung zum The­ma Men­schen­rechtsver­let­zun­gen an Men­schen mit psy­chis­chen Erkrankun­gen, Epilep­sie und geistiger Behin­derung statt. Die Tagung wurde von dem Aktion­snetz Heil­berufe organ­isiert, von Amnesty Inter­na­tion­al finanziert und in Simul­tanüber­set­zung zweis­prachig (Englisch-Deutsch) durchge­führt. Anwe­send waren Mit­glieder von Amnesty Inter­na­tion­al, Vertreter von NGOs und andere Inter­essierte, viele aus ther­a­peutis­chen Berufen.

La mal­adie du démon – Krankheit der Dämo­nen

Am Vor­abend der Tagung ent­führte die Regis­seurin  Lilith Kugler das Pub­likum mit ihrem inzwis­chen preis­gekrön­ten Erstlingswerk nach Burk­i­na Faso und stellte uns die Sit­u­a­tion psy­chisch und epilep­tisch erkrank­ter Men­schen vor. Psy­choseerkrank­te Men­schen wer­den zum eige­nen Schutz und dem der Gemeinde in Ver­schlä­gen ver­steckt und dort oder in der Natur an Bäume fest­ge­bun­den. Teils wer­den hier­für weit außer­halb liegende Gebetscamps in Anspruch genom­men, die nur in der unmit­tel­baren Umge­bung bekan­nt sind und kein­er Kon­trolle unter­liegen. Dort wer­den sie von ihren Ver­wandten oder, falls diese sie nicht auf­suchen, von Mit­gliedern des Camps mit Essen ver­sorgt. Die „ Behand­lung“ erfol­gt meist auss­chließlich mit Gebeten, um die bösen Geis­ter auszutreiben. Es gibt kein­er­lei psy­chi­a­trische Ver­sorgung mit Medika­menten. Die Erkrank­ten ver­brin­gen oft Jahre unter einem Baum und der Film zeigt ein Beispiel, wie sich ein Betrof­fen­er immer tiefer in die Erde gräbt, und andere, die mit sich selb­st sprechen oder gar ganz ver­s­tum­men.  Ein­fühlsam und ohne jedes Pathos stellt Lilith Kugler in der Begleitung eines Pfar­rers die Sit­u­a­tion in der Ver­sorgung und die Hin­ter­gründe für das Erleben und Han­deln der Men­schen vor Ort dar.  Der Pfar­rer sucht einige Patien­ten auf und ver­sucht, sie von ihren Ket­ten zu befreien und für sie wieder einen Platz in ihren Gemein­schaften zu find­en. Der christliche Seel­sorg­er bemüht sich die herge­brachte Kul­tur mit men­schlich­er Begleitung und den Errun­gen­schaften medi­zinis­ch­er Möglichkeit­en zu verbinden, um die Men­schen in die Zivil­i­sa­tion und Gesun­dung zurück­zubrin­gen  Die medi­zinis­che Ver­sorgung geschieht über einen psy­chi­a­trischen Fach­pfleger, der von wei­ther anreist und zwei Tage im Monat eine ambu­lante Sprech­stunde durch­führt. Die Ver­sorgung mit Medika­menten ist ein großes Prob­lem.

Auch einzelne Betrof­fene mit ihrem Schick­sal und auch ihren pos­i­tiv­en Krankheitsver­läufen, den Fol­gen der Erkrankung für sie und ihre Fam­i­lien den wer­den vorgestellt. Die Sit­u­a­tion der Helfer in dem lokalen Hil­f­spro­jekt wird eben­falls ange­sprochen.  Die Erkrankun­gen wer­den in der lokalen Tra­di­tion als Aus­druck von Besessen­heit inter­pretiert, was dazu führt, dass die Dämo­nen ver­trieben oder gebändigt wer­den müssen. Die Dämo­nen kön­nen auch auf andere Men­schen über­sprin­gen und so ger­at­en auch die Helfer in Ver­dacht von den Dämo­nen infiziert zu sein. Der Film zeigt aber auch, wie mit ein­fachen Mit­teln eine ele­mentare Ver­sorgung entwick­elt wer­den kann. Diese Ver­sorgung wird ger­ade mit der Hil­fe zweier deutsch­er NGOs aus­ge­baut.

Die Regis­seurin war bei der anschließen­den Diskus­sion anwe­send und hat auf die zahlre­ichen Fra­gen geant­wortet. Inzwis­chen ist sie erneut in Burk­i­na Faso, zeigt dort ihren Film – auch den Men­schen, die im Film mitwirken – und sie und wir sind auf die dor­tige Res­o­nanz ges­pan­nt. Der Film kann für Vorstel­lun­gen in Kinos und Ver­anstal­tun­gen ange­fragt wer­den, um auch hierzu­lande eine bre­it­ere Öffentlichkeit für das The­ma zu erre­ichen.

Die Posi­tion von Amnesty Inter­na­tion­al zu Men­tal Health und Human Rights. Aus­gangspunkt und Fra­gen

Michael Hup­pertz, Psy­chi­ater, Psy­chother­a­peut, Sozi­ologe und Mit­glied des Aktion­snetz Heil­berufe, führte in seinem Ein­führungsvor­trag in die The­matik der lange ver­bor­ge­nen Men­schen­rechtsver­let­zun­gen an psy­chisch und epilep­tisch erkrank­ten Men­schen in Län­dern ohne rel­e­vante psy­chi­a­trische Ver­sorgung ein. Er sprach aus men­schen­rechtlich­er Per­spek­tive  über die Prob­leme, die sich auf dem Weg zu ein­er Verbesserung ihrer Sit­u­a­tion stellen. Wenn in den ver­gan­genen Jahrzehn­ten von Mis­shand­lun­gen psy­chisch kranker Men­schen die Rede war, so im Zusam­men­hang mit Kri­tik an willkür­lichen und gewalt­samen Behand­lun­gen im Rah­men psy­chi­a­trisch­er Insti­tu­tio­nen. Aber immer schon und bis heute wür­den um ein Vielfach­es  mehr Men­schen außer­halb als inner­halb psy­chi­a­trisch­er Insti­tu­tio­nen ihrer ele­mentaren Rechte beraubt. Das liege schlicht daran, dass es weltweit etwa 1,5 Mio. Bet­ten in psy­chi­a­trischen Insti­tu­tio­nen incl. Heimen gibt, aber min­destens 200mal so viele schw­er psy­chisch kranke Men­schen in armen Län­dern, die keinen Zugang zu psy­chi­a­trisch­er Behand­lung haben. Erst seit etwa 10 Jahren werde das Prob­lem, das Fach­leuten schon lange bekan­nt ist, vor allem durch inves­tiga­tive Jour­nal­istin­nen und Jour­nal­is­ten an die Öffentlichkeit gebracht. Auch Men­schen­recht­sor­gan­i­sa­tio­nen incl. Amnesty Inter­na­tion­al küm­mern sich bis heute wenig um die Sit­u­a­tion dieses großen Teils der Bevölkerung. Es gehe also auch um eine Inklu­sion dieser Gruppe in die Men­schen­rechts­be­we­gung. Anhand der Entwick­lung von Amnesty Inter­na­tion­al führte er aus, wie die Organ­i­sa­tion sich zunächst den poli­tisch Gefan­genen und den bürg­er­lichen und poli­tis­chen Recht­en wid­mete, sich später all­ge­mein für die Abschaf­fung von Folter und Todesstrafe ein­set­zte. 2001 wurde das Man­dat auf die Wahrung aller Men­schen­rechte aus­geweit­et.

Dabei wurde bisweilen, aber nie umfassend, auch die Lage psy­chisch kranker und behin­dert­er Men­schen berück­sichtigt. Neuerd­ings scheint die The­matik aber auf inter­na­tionaler Ebene stärk­er in den Fokus zu treten, was durch wichtige inter­na­tionale Kon­ven­tio­nen befördert wurde. Dabei stellen sich ver­schiedene Prob­leme bzgl. der Koop­er­a­tion mit regionalen und staatlichen Akteuren, der Ver­mit­tel­barkeit des mod­er­nen Konzepts der Men­schen­rechte in ländlichen Regio­nen, den Möglichkeit­en von NGOs auf inter­na­tionale Ver­hand­lun­gen und nationale Gesund­heit­spoli­tik Ein­fluss zu nehmen. Ger­ade NGOs, die sich vor Ort prak­tisch engagieren, müssen im Auge haben, dass sie nicht dazu beitra­gen, dass sich die Irrwege der west­lichen Psy­chi­a­trie beim Auf­bau der psy­chi­a­trischen Ver­sorgung in Entwick­lungslän­dern wieder­holen. Ins­beson­dere der Auf­bau großer sep­a­rater psy­chi­a­trisch­er Ein­rich­tun­gen sei abzulehnen, weil er inef­fizient und teuer sei und solche Insti­tu­tio­nen ger­ade unter prekären Bedin­gun­gen für Men­schen­rechtsver­let­zun­gen beson­ders anfäl­lig sind.  Zudem bestünde die Gefahr, dass den Regierun­gen der betrof­fe­nen Län­der, die in der Regel nur sehr wenig oder gar nichts für Men­tal Health aus­geben, die Ver­ant­wor­tung für das The­ma seel­is­ch­er Gesund­heit abgenom­men werde. Bei dem effizien­ten und bezahlbaren Auf­bau der psy­chi­a­trischen Ver­sorgung inner­halb der all­ge­meinen dezen­tralen und ambu­lanten Gesund­heitsver­sorgung könne man sich dage­gen auf die inter­na­tionale Exper­tise z.B. der WHO berufen. Michael Hup­pertz for­mulierte zum Abschluss zahlre­iche Fra­gen an die Teil­nehmerIn­nen der Tagung, deren Beant­wor­tung für ein möglich­es zukün­ftiges Engage­ment von Amnesty Inter­na­tion­al wichtig sein kön­nte.

Glob­al Men­tal Health und Men­schen­rechte – ein Überblick über die aktuelle Sit­u­a­tion

Wolf­gang Krahl vom Inter­na­tionalen Net­zw­erk zur Entwick­lungszusam­me­nar­beit im Bere­ich psy­chis­che Gesund­heit e.V., Psy­chi­ater und Foren­sik­er an der Uni­ver­sität München, der seit Jahrzehn­ten  in ver­schiede­nen Schwellen- und Entwick­lungslän­dern in Forschung, Aus­bil­dung und Koop­er­a­tionspro­jek­ten tätig ist, stellte ein­drucksvoll, aus­ge­hend von der Erk­lärung der Men­schen­rechte dar, dass die geistige Gesund­heit lange Zeit bei der Real­isierung dieser Men­schen­rechte ver­nach­läs­sigt wurde. Fam­i­lien ger­ade in armen Län­dern wür­den als einzige Unter­stützer von psy­chisch Erkrank­ten aus Eigen- und Fremd­schutz zu zahlre­ichen Men­schen­rechtsver­let­zun­gen greifen, indem sie ihre Ange­höri­gen etwa anket­ten und wegschließen. Das beste Anti­stigmapro­gramm sei eine gute Behand­lung und Reha­bil­i­ta­tion! Sie nehme auch gle­ichzeit­ig die Last von den betrof­fe­nen Fam­i­lien,  ent­laste sie für andere Auf­gaben und Tätigkeit­en und sei eine konkrete Entwick­lung­shil­fe. Hierzu gehöre dem Zielkat­a­log der WHO fol­gend eine gute Erstver­sorgung psy­chisch Erkrank­ter bis in die örtlichen Kom­munen hinein, die Ver­fü­gung über Psy­chophar­ma­ka, die Aus­bil­dung von Experten für Men­tal Health, die keine Psy­chi­ater sein müssten, und dann auch die Aufk­lärungsar­beit und Psy­choe­duka­tion übernehmen soll­ten. Hierzu bedarf es der staatlichen Imple­men­tierung und Ver­net­zung ver­schieden­er Sek­toren, ein Mon­i­tor­ing und weit­ere Forschungsar­beit­en. Er wies darauf hin, dass auch in Europa die Entwick­lung der Psy­chi­a­trie ein langer Prozess war, der im 18. Jahrhun­dert begonnen habe und zu den ersten Befreiun­gen psy­chisch Kranker aus ihren Fes­seln führte. Wolf­gang Krahl erin­nerte auch an die weltweit umfassend­sten und organ­isiertesten Men­schen­rechtsver­let­zun­gen in Deutsch­land zwis­chen 1933–1945. Im Rah­men des T4 Pro­gramms wur­den unter maßge­blich­er Beteili­gung von Psy­chi­atern und Pflegekräften 200.000 Erkrank­te sys­tem­a­tisch  ermordet, viele zwangsster­il­isiert.

Wolf­gang Krahl stellte dar, wieviel Geld die Staat­en für die psy­chi­a­trische Ver­sorgung aus­geben und wie weit die Schere zwis­chen Län­dern mit hohem und solchen mit niedrigem Pro-Kopf-Einkom­men auseinan­derge­ht. Low und Low­er-Mid­dle-Income-Coun­tries geben in der Regel unter 1% ihrer niedri­gen Gesund­heits­bud­gets, bisweilen auch gar nichts, für die Behand­lung dieser Erkrankun­gen aus. Dadurch hät­ten Mil­liar­den Men­schen keinen Zugang zu psy­chi­a­trisch­er Ver­sorgung. Dabei sind diese nach Infek­tion­skrankheit­en und Ver­let­zun­gen die häu­fig­sten Erkrankun­gen über­haupt. Er zeigte, zu welch drastis­chen Fol­gen dies für Betrof­fene führen kann. In der Regel sind tra­di­tionelle Heil­er die erste Anlauf­stelle für Betrof­fene und ihre Fam­i­lien. Tra­di­tionelle Heil­meth­o­d­en kön­nten auch immer wieder für leichtere For­men von Depres­sio­nen, Abhängigkeit­serkrankun­gen und neu­ro­tis­chen Krankheits­bildern erfol­gre­ich sein. Bei schw­eren Depres­sio­nen, Schiz­o­phre­nie, bipo­laren Psy­cho­sen und Epilep­sie hinge­gen müssten zeit­nah psy­chi­a­trische Behand­lun­gen, unter anderem mit Psy­chophar­ma­ka  und Antiepilep­ti­ka zum Ein­satz kom­men.

Psy­chis­che Gesund­heit und Men­schen­rechte an der Elfen­beinküste

Nathalie Kouak­ou von Amnesty Inter­na­tion­al Elfen­beinküste referierte zur Sit­u­a­tion in ihrem Land, in dem sie sich seit mehreren Jahren für eine Imple­men­tierung von Men­schen­rechts­stan­dards auch im Gesund­heitssys­tem stark macht. Ger­ade psy­chisch Erkrank­te seien in der Wahrnehmung und Vertei­di­gung ihrer Rechte beein­trächtigt und entsprechend beson­ders prädes­tiniert, Opfer von Men­schen­rechtsver­let­zun­gen zu wer­den. Obgle­ich die WHO das Recht auf psy­chis­che Gesund­heit als einen zen­tralen Baustein des Woh­lerge­hens definiert, wer­den von seel­is­ch­er Erkrankung, Epilep­sie oder Intel­li­genz­min­derung Betrof­fene noch oft stig­ma­tisiert, aus­geschlossen von Bil­dung, poli­tis­chen Debat­ten, Wahlen, Fam­i­lien­grün­dung etc.  In der Elfen­beinküste sei  die ganze The­matik der Lebenssi­t­u­a­tion psy­chisch Kranker mar­gin­al­isiert.

Nathalie Kouak­ou stellte die UN Kon­ven­tion über die Rechte Behin­dert­er und den Men­tal Health Aktion­s­plan  vor, die über die medi­zinis­che Behand­lung hin­aus soziale Verbesserun­gen für betrof­fene Per­so­n­en fordern und darauf zie­len, Bar­ri­eren der Inte­gra­tion abzubauen. Sie wollen Ver­ant­wortliche und Entschei­dungsträger aufmerk­sam machen, anre­gen und auf Möglichkeit­en hin­weisen, wie sie dazu beitra­gen kön­nen entsprechende Leitlin­ien umzuset­zen und die Rechte der Betrof­fe­nen zu schützen und zu gewährleis­ten. Die Kon­ven­tion zielt im Beson­deren aber  auf die Wohn‑, Lebens- und Behand­lungssi­t­u­a­tion, deren Stan­dards dem heuti­gen Wis­senszuwachs Genüge tun muss. Es soll  auch ein anderes Bild psy­chis­ch­er Erkrankung in die Gesellschaft getra­gen wer­den, etwa durch verbesserte Aufk­lärung der Bevölkerung. Entwürdi­gende Behand­lung und Unter­bringung sollte eben­so geah­n­det wer­den wie zunächst ein­mal den Betrof­fe­nen die Möglichkeit gegeben wer­den muss, diese zu bean­standen. Die Regierung sollte Instru­mente zur Ver­fü­gung stellen, Patien­ten und deren Fam­i­lien etwa auch in Form von Ver­bän­den und Selb­sthil­fe­grup­pen zu stärken. Große psy­chi­a­trische Insti­tu­tio­nen in Großstädten soll­ten durch eine wohnort­nähere psy­chosoziale und medi­zinis­che Ver­sorgung erset­zt wer­den. Um dies alles zu gewährleis­ten, müssten in der Admin­is­tra­tion staatliche Stellen zur Koor­di­na­tion und Pla­nung geschaf­fen wer­den. Auch die Afrikanis­che Union habe sich weit­ge­hend den Pos­tu­lat­en der WHO angeschlossen, den­noch man­gele es an der Sicht­bar­ma­chung des Prob­lems im Land und dem engagierten Ange­hen durch das Gesund­heitsmin­is­teri­um. Die prekäre Sit­u­a­tion der man­gel­nden Ressourcen ein­er­seits und des wenig engagierten Ange­hens der Umset­zung der Leitlin­ien ander­er­seits befördert wiederum die Fort­set­zung der herkömm­lichen Prak­tiken des religiös-kul­turellen Ver­ständ­niss­es von seel­is­chen Beein­träch­ti­gun­gen mit der Gefahr der fort­ge­set­zten Mis­shand­lung, Mis­sach­tung und Aus­gren­zung der Betrof­fe­nen. Dazu gehören auch sex­ueller Miss­brauch im Rah­men magis­chen Denkens sowie Ent­führun­gen und Orga­nent­nah­men.

Trotz des son­st dynamis­chen Prozess­es in der Entwick­lung des Lan­des herrsche hier das magis­che Denken von Schuld, Magie, Besessen­heit vor. Zur ohne­hin schwachen medi­zinis­chen Ver­sorgung des noch durch Fol­gen des Mil­itär­putsches von 1999, ver­schiedene Krisen und den Bürg­erkrieg 2002–2011 geze­ich­neten Lan­des  gibt es ein erhöht­es Aufkom­men von Trau­mafolgestörun­gen. Für die psy­chi­a­trische Ver­sorgung gibt es nur wenig Fachkräfte, und nur in 25% der Gesund­heits­dis­trik­te gibt es über­haupt irgen­deine Form von psy­chi­a­trisch­er Ver­sorgung. Ander­er­seits hat die Elfen­beinküste in ein­er neuen Ver­fas­sung 2016 fest­gelegt, dass alle Men­schen mit Behin­derung vor Diskri­m­inierung beschützt und nie­mand wegen sein­er men­tal­en oder kör­per­lichen Ver­fas­sung benachteiligt wer­den darf.

In ihren abschließen­den Forderun­gen unter­strich Nathalie Kouak­ou die Notwendigkeit weit­er­er Unter­suchun­gen hin­sichtlich  Epi­demi­olo­gie, sozi­ol­o­gis­ch­er Dat­en und Recht­slage der betr­e­f­fend­en Krankheits­bilder an der Elfen­beinküste, eine verbesserte Erre­ich­barkeit der Erstan­lauf­stellen in den Kom­munen auch für psy­chis­che Erkrankun­gen, für die Investi­tion in Aus­bil­dung von Fach­per­son­al, aber auch von ehre­namtlichen  Frei­willi­gen in den dör­flichen Struk­turen, um ein gutes Unter­stützungsnet­zw­erk und Aufk­lärungsar­beit aufzubauen.

Von West­afri­ka bis Südostasien: Trans­for­ma­tion des Zugangs zur psy­chi­a­trischen Ver­sorgung durch die Qual­i­ty Rights der WHO und die Arbeit von CBM im Bere­ich der psy­chis­chen Gesund­heit

Car­men Valle ist als Bera­terin für Men­tal-Health-Pro­jek­te der Christof­fel-Blind­en-Mis­sion (cbm) ins­beson­dere auch in Bezug auf Men­schen­rechts­bil­dung , in ver­schiede­nen Län­dern Afrikas und Asien tätig. Sie schloss sich mit der Darstel­lung den Erfahrungswerten und Lösungsmod­ellen ihrer Organ­i­sa­tion an. Sie schilderte, wie es gelin­gen kann, basale Net­zw­erke vor Ort zu schaf­fen, Entschei­dungsträger und Men­schen in der Ver­sorgung von beein­trächtigten Per­so­n­en zu unter­stützen. Cbm set­zt u.a. auf soge­nan­nte Peer­groups, d.h. auf Men­schen, die lebenser­fahren sind und den Respekt der Gemeinde genießen und gle­ichzeit­ig aufgeschlossen sind für die Imple­men­tierung ein­er sozialpsy­chi­a­trischen Ver­sorgung in den Gemein­den und prak­tisch oft ther­a­peutisch wirken. Ein­drucksvoll stellte sie  ein durch­dacht­es Konzept der ver­schiede­nen Ebe­nen dar, wie die Län­der auch zukün­ftig ohne die zunächst flankieren­den NGOs das ein­mal aufge­baute Sys­tem eigen­ständig pfle­gen und weit­er­en­twick­eln kön­nen. Psy­chis­che Gesund­heit­spflege und Berück­sich­ti­gung der Sit­u­a­tion psy­chisch kranker, stig­ma­tisiert­er Men­schen mit Epilep­sie und geistiger Beein­träch­ti­gung soll­ten im Gesamtkonzept von Entwick­lungsar­beit inte­gri­ert wer­den, etwa bei Bil­dung­spro­jek­ten in Schulen und Kindergärten. Hier kann auch bere­its der Inklu­sion­s­gedanke frühzeit­ig einge­bracht wer­den, eben­so  wie bei Eltern- und Gemein­de­v­er­samm­lun­gen. So wird auch die Acht­samkeit gegenüber der beson­deren Gefährdung der Betrof­fe­nen für Über­griffe und Mis­shand­lun­gen und damit die soziale Kon­trolle, die als Schutz dienen kann, gestärkt. Das Konzept ihrer Organ­i­sa­tion beste­ht darin bei not­fallmäßig ange­forderten Hil­fen in Schwellen- und Entwick­lungslän­dern etwa nach Erd­beben, Tsuna­mi o.ä. neben den soge­nan­nten basic needs dann auch die seel­is­che Gesund­heit geson­dert in den Blick und die Arbeit vor Ort ein­fließen zu lassen. Weltweit wer­den Vor-Ort-Train­er in Erster Hil­fe in Bezug auf Erstver­sorgung nach Trau­ma­tisierung entsprechend den WHO Richtlin­ien aus­ge­bildet.

Die Sit­u­a­tion trau­ma­tisiert­er Men­schen in Liberia

Susanne Grosse, Sozial­wis­senschaft­lerin an der Uni­ver­sität Kas­sel, sorgte als Haush­er­rin der Ver­anstal­tung mit dem Gießhaus nicht nur für eine angenehme Tagungsat­mo­sphäre, son­dern berichtete ihrer­seits angesichts ihres bevorste­hen­den Forschungsaufen­thaltes in Liberia nicht nur von der dort noch ähn­lich desas­trösen Sit­u­a­tion Betrof­fen­er mit anschaulichem Film- und Bild­ma­te­r­i­al, son­dern verdeut­lichte auch anhand der Pflege­s­tandards in Deutsch­land, dass wir noch gar nicht solange selb­st von ein­er schlecht­en Ver­sorgung ent­fer­nt sind. Die Psy­chi­a­trie-Enquete und Besucherkom­mis­sio­nen hät­ten hier zwar für mehr Trans­parenz und Stan­dards gesorgt, bedürften aber ein­er ständi­gen Verbesserung. Ger­ade den betrof­fe­nen Men­schen falle es ja schw­er, für ihre Rechte einzuste­hen. In Pro­jek­ten in Liberia wer­den Men­schen für die psy­chosoziale Begleitung auch ins­beson­dere der zahlre­ichen trau­ma­tisierten Men­schen im Land aus­ge­bildet. Tausende ehe­ma­liger rekru­tiert­er Kinder­sol­dat­en sind inzwis­chen erwach­sen und haben selb­st Fam­i­lien, tra­gen aber nicht sel­ten Trau­mafolgestörun­gen mit sich — mit wiederum gravieren­den Fol­gen für sich und die Gesellschaft.

Die prak­tis­che Bedeu­tung inter­na­tionaler Men­schen­recht­skon­ven­tio­nen für die Entwick­lung der psy­chi­a­trischen Ver­sorgung

Mar­gret Oster­feld, Psy­chi­a­terin im Ruh­e­s­tand und engagiert  bei Aktion Psy­chisch Kranke e.V.  war nicht nur engagierte Kri­tik­erin bei vorheri­gen Vorträ­gen, son­dern trug selb­st von ihrer Tätigkeit beim UN Unter­auss­chuss zur Präven­tion von Folter vor, in deren Rah­men regelmäßig Teams Ver­sorgung­sein­rich­tun­gen in ver­schiede­nen Län­dern besuchen und Berichte erstellen, inwiefern entsprechende Stan­dards zur Ver­sorgung einge­hal­ten bzw. mis­sachtet wer­den und verbessert wer­den soll­ten. Diese Teams haben in der Regel Zugang zu allen psy­chi­a­trischen Ein­rich­tun­gen und erstellen Berichte zu der men­schen­rechtlichen Sit­u­a­tion in diesen Ein­rich­tun­gen. Wenn sie keinen freien Zugang bekom­men, brechen sie ihre Tätigkeit ab. Die Berichte wer­den an die zuständi­gen Behör­den weit­ergeleit­et und Vorschläge zur Verbesserung der Sit­u­a­tion gemacht. Eine Veröf­fentlichung darüber hin­aus wird nicht angestrebt, um die Koop­er­a­tion mit den Regierun­gen nicht zu gefährden.

Diskus­sion auf dem Podi­um und mit dem Pub­likum

Die Vorträge — mod­eriert von Mir­jam Ibold, Psy­cholo­gin, Mit­glied des Aktion­snet­zes der Heil­beru­fler ‑wur­den von leb­haften Diskus­sio­nen begleit­et, für die auch viel Zeit zur Ver­fü­gung stand. In der abschließen­den Podi­ums­diskus­sion  — Mod­er­a­tion: Gesine Heet­derks, Psy­chi­a­terin und Neu­rolo­gin — ging es unter anderem um die Frage, welche Kon­se­quen­zen sich für ein möglich­es Engage­ment von Amnesty Inter­na­tion­al ergeben. Es bildete sich ein Kon­sens her­aus, dass für die Verbesserung der Sit­u­a­tion von Men­schen mit psy­chis­chen Erkrankun­gen und Epilep­sie eine Dop­pel­strate­gie sin­nvoll ist. Ein­er­seits kann eine nach­haltige Verän­derung ihrer Sit­u­a­tion nur erre­icht wer­den, wenn entsprechen­der Ein­fluss auf die Regierung aus­geübt wird. Die betrof­fe­nen Staat­en haben ver­schiedene men­schen­rechtlich bedeut­same Kon­ven­tio­nen, u. a. die wichtige Kon­ven­tion für die Rechte von Men­schen mit Behin­derun­gen von 2008, unter­schrieben. Sie kön­nen und müssen darauf hingewiesen wer­den, dass die Sit­u­a­tion dieser Men­schen eine Ver­let­zung ele­mentar­er Men­schen­rechte darstellt. Ander­er­seits jedoch erfol­gen Men­schen­rechtsver­let­zun­gen wie die Anket­tung von Men­schen in aller Regel nicht aus sadis­tis­chen Motiv­en, son­dern angesichts fehlen­der Alter­na­tiv­en und Hil­flosigkeit im Umgang mit den rät­sel­haften Krankheit­en. Deshalb kann eine solche poli­tis­che Strate­gie nur erfol­gre­ich sein, wenn zusät­zlich anhand geeigneter Pilot­pro­jek­te gezeigt wird, dass auch in armen Län­dern wie Burk­i­na Faso, der Elfen­beinküste oder Äthiopi­en, wie Wolf­gang Krahl aus­führlich beschrieb, eine medi­zinis­che Ver­sorgung dieser Men­schen zu erschwinglichen Kosten möglich ist und daher in die staatlichen Gesund­heit­spro­gramme über­nom­men wer­den kann. Es geht also nicht darum, die Regierun­gen an den Pranger zu stellen, son­dern sie anhand der­ar­tiger Pilot Pro­jek­te für eine Koop­er­a­tion zu gewin­nen, und zwar in ihrem eige­nen Inter­esse, weil auf diese Weise ein fun­da­men­tales Men­schen­recht­sprob­lem in ihren Län­dern ange­gan­gen und vielle­icht gelöst wird.

Es geht darum, durch Aufk­lärung über psy­chis­che Erkrankun­gen, Epilep­sie und geistige Behin­derung und vor allem durch die reale Verbesserung der Behand­lung und der Betreu­ung der Betrof­fe­nen einen ermuti­gen­den und hil­fre­ichen Umgang mit diesen Men­schen zu fördern. Diese Aufk­lärung und Ermu­ti­gung sollte die Betrof­fe­nen und Ange­höri­gen, die Gesund­heitsmi­tar­beit­er, aber auch die Behör­den und die Zivilge­sellschaft ein­beziehen. Die Devise „ Don‘t blame“ sollte so weit wie möglich berück­sichtigt wer­den. Stel­lung­nah­men soll­ten für die ver­ant­wortlichen Regierun­gen gesichtswahrend und real­is­tisch for­muliert wer­den, damit weit­ere Unter­suchun­gen, Über­prü­fun­gen der Entwick­lung, neue Vorschläge usw. in ständi­ger Koop­er­a­tion mit den Admin­is­tra­tio­nen möglich sind.

 

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