Ägypten: Demonstrantinnen zu “Jungfräulichkeits-tests” gezwungen

Den Bericht von Amnesty Inter­na­tion­al kön­nen Sie auch HIER abrufen.

In Ägypten haben mehrere Demon­stran­tinnen Folter­vor­würfe gegen Ange­hörige des Mlitärs erhoben. Nach ihrer Fes­t­nahme auf dem Tahrir-Platz wur­den sie ihren Angaben zufolge gefoltert und soge­nan­nten “Jungfräulichkeit­stests” unter­zo­gen. Amnesty Inter­na­tion­al fordert die ägyp­tis­chen Behör­den auf, sofort eine Unter­suchung dieser Vor­würfe einzuleit­en.

Nach der gewalt­samen Räu­mung des Tahrir-Platzes in Kairo am 9. März nah­men Ange­hörige des Mil­itärs min­destens 18 Frauen in Gewahrsam. Demon­stran­tinnen haben Amnesty Inter­na­tion­al von Schlä­gen, Elek­troschocks und Leibesvis­i­ta­tio­nen berichtet. Bei den Leibesvis­i­ta­tio­nen sollen die Frauen gezwun­gen wor­den sein, ihre Klei­dung abzule­gen, während sie von Sol­dat­en fotografiert wur­den. Anschließend wur­den sie so genan­nten “Jungfräulichkeit­stests” unter­zo­gen und der Pros­ti­tu­tion beschuldigt.

Zwangsweise durchge­führte “Jungfräulichkeit­stests” stellen eine Form der Folter dar.
“Frauen dazu zu zwin­gen, einen “Jungfräulichkeit­stest” über sich erge­hen zu lassen, ist vol­lkom­men inakzept­abel”, erk­lärte Amnesty Inter­na­tion­al heute. “Der Zweck dieser Tests beste­ht darin, Frauen auf­grund ihres Geschlechts zu degradieren. Alle Ange­höri­gen der Heil­berufe soll­ten sich weigern, der­ar­tige “Tests” durchzuführen.”
Die 20-jährige Sal­wa Hos­sei­ni schilderte im Gespräch mit Amnesty Inter­na­tion­al, wie sie nach ihrer Fes­t­nahme in ein Mil­itärge­fäng­nis in Heik­step gebracht und zusam­men mit den anderen Frauen dazu gezwun­gen wurde, sich auszuziehen.

Die Leibesvis­i­ta­tion wurde von ein­er Gefäng­niswär­terin in einem Raum mit zwei geöffneten Türen und einem Fen­ster vorgenom­men. Sal­wa Hos­sei­ni berichtete weit­er, dass Sol­dat­en in den Raum geschaut und Fotos von den nack­ten Frauen gemacht hät­ten.

Anschließend wur­den die Frauen in einen anderen Raum gebracht, wo ein Mann in einem weißen Kit­tel die “Jungfräulichkeit­stests” vor­nahm. Man dro­hte ihnen damit, dass “diejeni­gen, die keine Jungfrauen seien”, der Pros­ti­tu­tion angeklagt wer­den wür­den.
Amnesty Inter­na­tion­al vor­liegen­den Infor­ma­tio­nen zufolge wurde eine Frau, die zuvor ihre Jungfräulichkeit beteuert hat­te, geschla­gen und mit Elek­troschocks gequält, nach­dem der “Jungfräulichkeit­stest” ange­blich das Gegen­teil bewies.

Frauen und Mäd­chen muss ges­tat­tet wer­den, die Zukun­ft Ägyptens umzugestal­ten und an Demon­stra­tio­nen gegen die Regierung teilzunehmen, ohne dass sie inhaftiert und gefoltert wer­den oder zutief­st entwürdi­gende und diskri­m­inierende Behand­lun­gen erfahren”, so Amnesty Inter­na­tion­al.

Dadurch, dass sie Män­nern erlaubten, die Frauen während dieser Vorgänge zu beobacht­en und zu fotografieren, woll­ten die Ange­höri­gen des Mil­itärs die Frauen demüti­gen. Damit schufen sie eine zusät­zliche indi­rek­te Bedro­hung für die Frauen, da diese im Falle ein­er Veröf­fentlichung der Fotos weit­er­er Gefahr aus­ge­set­zt wür­den.”

Zu den Frauen, die auf dem Tahrir-Platz festgenom­men wor­den waren, gehörte auch die Jour­nal­istin Rasha Azeb. Gegenüber Amnesty Inter­na­tion­al schilderte sie, wie man ihr Hand­schellen angelegt, sie geschla­gen und belei­digt habe.
Nach der Fes­t­nahme wur­den die 18 Frauen zunächst in ein Nebenge­bäude des Ägyp­tis­chen Muse­ums in Kairo gebracht. Dort soll man ihnen Hand­schellen angelegt und mit Stöck­en und Schläuchen auf sie eingeprügelt haben. Zudem wur­den den Frauen Elek­troschocks im Brust- und Bein­bere­ich zuge­fügt, und man beschimpfte sie als “Pros­ti­tu­ierte”.

Rasha Azeb kon­nte während ihrer Inhaftierung im Muse­um beobacht­en und mitan­hören, wie die anderen Frauen mit­tels Elek­troschocks gefoltert wur­den. Nach eini­gen Stun­den ließ man sie zusam­men mit vier weit­eren, männlichen Jour­nal­is­ten frei; die verbliebe­nen 17 Frauen wur­den in das Mil­itärge­fäng­nis in Heik­step gebracht.
Das regierung­sun­ab­hängige Ther­a­piezen­trum für Folteropfer (El Nadeem Cen­ter for Reha­bil­i­ta­tion of Vic­tims of Vio­lence) hat die Zeu­ge­naus­sagen weit­er­er Frauen, die zur gle­ichen Zeit festgenom­men wor­den waren, doku­men­tiert. Diese Aus­sagen deck­en sich mit den Bericht­en von Rasha Azeb und Sal­wa Hos­sei­ni über Schläge, Elek­troschocks und “Jungfräulichkeit­stests”.

Amnesty Inter­na­tion­al fordert die ägyp­tis­chen Behör­den auf, die schock­ierende und erniedri­gende Behand­lung von Demon­stran­tinnen zu stop­pen. “Ägyp­tis­che Frauen haben entschei­dend zu dem Wan­del in Ägypten beige­tra­gen und soll­ten für ihr Engage­ment nicht bestraft wer­den”, erk­lärte Amnesty Inter­na­tion­al.

Sämtliche Ange­hörige der Sicher­heit­skräfte und des Mil­itärs müssen darüber in Ken­nt­nis geset­zt wer­den, dass Folter und andere Mis­shand­lun­gen, darunter auch soge­nan­nte ‚Jungfräulichkeit­stests’, nicht länger toleriert und dies­bezüglich umfassende Unter­suchun­gen erfol­gen wer­den. Die Ver­ant­wortlichen für Folter und andere Mis­shand­lun­gen müssen vor Gericht gestellt wer­den, während die muti­gen Frauen, die Ver­stöße angeprangert haben, unbe­d­ingt Schutz vor Vergel­tung erhal­ten soll­ten.”

Am 11. März wur­den alle 17 Frauen vor ein Mil­itärg­ericht gestellt; ihre Freilas­sung erfol­gte am 13. März. Gegen mehrere Frauen wurde eine Haft­strafe von einem Jahr auf Bewährung ver­hängt.

Sal­wa Hos­sei­ni wurde des unge­bührlichen Ver­hal­tens, der Zer­störung pri­vat­en und öffentlichen Eigen­tums, der Behin­derung des Verkehrs und des Mit­führens von Waf­fen für schuldig befun­den.

Amnesty Inter­na­tion­al wen­det sich dage­gen, dass Zivilper­so­n­en vor Mil­itärg­erichte gestellt wer­den. Ägyp­tis­che Mil­itärg­erichte weisen eine Bilanz unfair­er Gerichtsver­fahren auf; zudem sind die Möglichkeit­en, gegen Urteile dieser Gerichte Beru­fung einzule­gen, stark eingeschränkt.

Share