10 Jahre “UNO – Konvention über die Rechte des Kindes”

Sehr geehrte Damen und Herren,

hier kön­nen Sie den beitrag “Kein Schutz für Kinder” über die UNO — Kon­ven­tion über die Rechte des Kindes von Dr. Ulrike Heckl als Prä­sid­i­ums­beauf­tragte des BDP’s für Men­schen­rechts­fra­gen aus dem Jahr 1999 herunterladen:

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Hier kön­nen Sie den voll­ständi­gen Text online lesen:

 

Kein Schutz für Kinder
Im ver­gan­gen Jahr wurde die „UNO – Kon­ven­tion über die Rechte des Kindes“ 10 Jahre alt (sieh dazu auch den Artikel „Zehn Jahre Kinder­recht­skon­ven­tion. Kinder­poli­tik auf dem Prüf­s­tand“ in Report Psy­cholo­gie 1 / 99). Als zen­trales völk­er­rechtlich­es Doku­ment beschreibt die Kon­ven­tion alle wesentlichen Voraus­set­zun­gen, die Kinder und Jugendliche für ein Leben und Her­anwach­sen in Würde benöti­gen. Hier liegt zum ersten Mal ein Abkom­men vor, das die speziellen Rechte der Kinder erfaßt und geset­zliche Min­dest­stan­dards zum Schutz dieser Rechte fes­tlegt. Diese Kon­ven­tion ist der einzige inter­na­tionale Ver­trag, der sowohl die bürg­er­lichen und poli­tis­chen, als auch die wirtschaftlichen, sozialen und kul­turellen Rechte garantiert. Bis auf Soma­lia und die USA haben das Übereinkom­men vom 5. Dezem­ber 1989 alle anderen 192 Län­der rat­i­fiziert. Weltweit liegt jedoch die Umset­zung der Kinder­rechte mas­siv im Argen.
Kinder wer­den in vie­len Län­dern sys­tem­a­tisch Grun­drechte ver­weigert. Neben wichti­gen Recht­en, wie das Recht auf Erziehung und Aus­bil­dung, auf Bewe­gungs­frei­heit und auf Schutz vor Aus­beu­tung, vor Diskri­m­inierung und vor bewaffneten Auseinandersetzungen1, benen­nt die Kon­ven­tion expliz­it auch den Schutz vor Folter. Eine Tat­sache ist, daß auch Kinder und Jugendliche vor gewalt­täti­gen Über­grif­f­en seit­ens staatlich­er Organe nicht geschützt sind. Folter und Mißhand­lun­gen in Polizeige­wahrsam, unmen­schliche Bedin­gun­gen in Gefäng­nis­sen, keine oder unfaire Gerichtsver­hand­lun­gen sind die Real­ität in vie­len Län­dern. Dieser Tatbe­stand ver­schwindet häu­fig aus dem Blick­feld angesichts der Äng­ste, die in den Medi­en vor der Zunahme von Gewaltver­brechen, verübt durch Kinder und Jugendliche, geschürt wer­den, ein­herge­hend mit einem Ruf nach härteren Strafen. Häu­fig liegen jedoch die Gründe, weshalb Kinder und Jugendliche mit dem Gesetz in Kon­flikt ger­at­en, in Armut und Benachteiligung.
Kinder, die gezwun­gen sind, auf der Straße zu leben, sind in beson­derem Aus­maß willkür­lichen Ver­haf­tun­gen und Mißhand­lun­gen aus­ge­set­zt. Um zu über­leben, sind viele von ihnen zum Bet­teln, zur Kleinkrim­i­nal­ität oder zur Pros­ti­tu­tion gezwun­gen. Die meis­ten Kinder, die mit dem Gesetz in Kon­flikt ger­at­en, tun dies auf­grund ger­ingfügiger, gewalt­freier Ver­brechen und in eini­gen Fällen ist ihr einziges „Ver­brechen“, daß sie obdach­los sind. Einige von ihnen wer­den ver­haftet, weil es Geset­ze gibt, die Vere­len­dung, Nicht­seßhaftigkeit und Bet­teln zu krim­inellen Hand­lun­gen erk­lärt. Fak­toren wie Armut, eth­nis­che Zuge­hörigkeit und Geschlecht ver­schär­fen noch die Wehrlosigkeit der Kinder gegenüber Über­grif­f­en durch die Behörden.
In der Türkei wer­den Kinder und Jugendliche oft nach dem Anti – Ter­ror – Gesetz festgenom­men, mit dem vorgeben wird, die poli­tis­che Gewalt im Land bekämpfen zu wollen. Wer­den sie verdächtigt, ein­er ille­galen Organ­i­sa­tion anzuge­hören oder sie zu unter­stützen, dann treten jegliche Schutzmech­a­nis­men außer Kraft. Das Behand­lungszen­trum für Folteropfer der Türkischen Men­schen­rechtss­tiftung bestätigt immer wieder mas­sive Mißhand­lun­gen bei Kindern und Jugendlichen nach ihrer Inhaftierung. Die Täter scheren sich wenig um das Alter der Opfer. Auf türkischen Polizeis­ta­tio­nen wird sys­tem­a­tisch gefoltert, ungeachtet türkisch­er und völk­er­rechtlich­er Bes­tim­mungen, die dies ver­bi­eten. Amnesty inter­na­tion­al liegen Berichte vor, aus denen her­vor geht, daß schon Kinder im Alter von 12 Jahren Folter wie Elek­troschocks das Abspritzen mit kaltem Wass­er und Schläge erlei­den müssen. Auch sex­uelle Über­griffe, Andro­hung von Verge­wal­ti­gung oder Auf­forderun­gen, sich nackt auszuziehen,wurde von erst 14-jähri­gen Mäd­chen berichtet. Eine Anklage gegen die Peiniger, sofern sie namentlich über­haupt bekan­nt sind, wird in der Regel nicht erhoben. Auch die Dro­hung den Kindern und Jugendlichen gegenüber, sie ‚ver­schwinden‘ zu lassen, wird als Druck­mit­tel bei Ver­hören einge­set­zt. Daß das keine leeren Dro­hun­gen sind, zeigt das Schick­sal dreier jugendlich­er Schafhirten, die im Novem­ber 1995 während ein­er Razz­ia nach einem PKK — Atten­tat auf zwei Lehrer und einen Bau­un­ternehmer festgenom­men wor­den waren. Davut und Ned­im im Alter von 12 Jahren und Sey­han mit 13 Jahren sind sei­ther nicht mehr gese­hen worden.
Kinder und Jugendliche wer­den gefoltert und mißhan­delt, um Geständ­nisse zu erpressen. Sie wer­den ohne Anklage in Haft genom­men, weil ihre Väter, wie z.B. im Südlibanon, wegen poli­tis­chen Aktiv­itäten gesucht wer­den. Kür­zlich wurde bekan­nt, daß das iranis­che Mil­itär drei Kinder und ihre Mut­ter als Geiseln fes­thält, um den Vater der Kinder zu ein­er Rück­kehr in den Iran zu zwin­gen, nach­dem er aus poli­tis­chen Grün­den das Land ver­lassen hat­te. Wenn Kinder oder Jugendliche festgenom­men und inhaftiert wer­den, sollte sichergestellt sein, daß alle anderen Möglichkeit­en des Strafrechts aus­geschöpft wor­den sind.
Viele Kinder in Haft erhal­ten nicht ein­mal einen min­i­malen Schutz. So wer­den sie häu­fig ohne Anklage oder Gerichtsver­fahren, ohne Zugang zu einem Anwalt oder zu ihrer Fam­i­lie, inhaftiert. In vie­len Län­dern wer­den Kinder tage- oder auch monate­lang ohne Anklage und Prozeß gefan­genge­hal­ten. Nicht sel­ten wer­den sie zusam­men mit erwach­se­nen Krim­inellen eingek­erk­ert. Unter solchen Bedin­gun­gen wächst die Gefahr der Mißhand­lun­gen und des kör­per­lichen Mißbrauchs erhe­blich. So geht zur Zeit amnesty inter­na­tion­al in Venezuela den Bericht­en von Gerichtsmedi­zin­ern nach, denen zu ent­nehmen ist, daß die meis­ten inhaftierten Kinder Zeichen von erst kür­zlich erfol­gter Folter bis hin zu Knochen­brüchen aufweisen. Ins­beson­dere für Mäd­chen sind die Haftbe­din­gun­gen viel­er Orts willkür­lich oder improvisiert.
Da Mäd­chen mit nicht so häu­fig mit dem Gesetz in Kon­flikt ger­at­en wie Jun­gen, gibt es für sie in vie­len Staat­en kaum beson­dere Haf­tanstal­ten. Konkret bedeutet das, daß sie oft auch mit Erwach­se­nen oder sog­ar mit Jun­gen zusam­men eine Zelle teilen müssen und so einem erhöht­en Risiko des sex­uellen Mißbrauchs oder ein­er Verge­wal­ti­gung aus­ge­set­zt sind.
Da es keine inter­na­tionalen Vere­in­barun­gen gibt, die eine Alters­gren­ze für Strafmündigkeit definieren, vari­iert diese von Land zu Land erhe­blich. So geschieht es immer wieder, daß Jugendliche nach dem Erwach­se­nen – Strafrecht angeklagt wer­den. Eine Mißach­tung all der Bedin­gun­gen ist kein Phänomen, das nur in Entwick­lungslän­dern auftritt. Auch in min­destens 35 US — Bun­desstaat­en kön­nen Min­der­jährige zu Haft in  Erwach­se­nenge­fäng­nis­sen verurteilt wer­den. Im Sep­tem­ber 1998 waren dort mehr als 4000 Kinder und Jugendliche unter diesen Bedin­gun­gen inhaftiert.2 Da in den USA die Kinder­recht­skon­ven­tion nicht rechtsverbindlich ist, sind Kinder und Jugendliche häu­fig Opfer von Men­schen­rechtsver­let­zun­gen. Nicht nur, daß wach­sende soziale Span­nun­gen in manchen Gemein­den zu ein­er Zunahme von Jugend­krim­i­nal­ität führt, son­dern bere­its ger­ingfügige Verge­hen, wie Schule – Schwänzen, Alko­holbe­sitz, Graf­fi­ti — Sprühen oder kleine Dieb­stäh­le, kön­nen sie ins Gefäng­nis brin­gen. Als Beispiel sei der 16-jährige Yazi Plen­ty­wounds erwäh­nt, der sich, nur weil er zwei Flaschen Bier gestohlen hat­te, für zwei Jahre in ein staatlich­es Gefäng­nis für Erwach­sene begeben mußte.
Ende 1998 befan­den sich mehr als 4000 Kinder in Vol­lzugsanstal­ten für Erwach­sene. Dies geschieht auf der Basis von Bun­des­ge­set­zen oder eige­nen bun­desstaatlichen Strafge­set­zen und schließt sog­ar die Todesstrafe mit ein.
Das Ver­bot der Todesstrafe gegen jugendliche Ver­brech­er ist sowohl per Gesetz als auch in der Prax­is weit­ge­hendst akzep­tiert. Die Kinder­recht­skon­ven­tion und der Pakt über bürg­er­liche und poli­tis­che Rechte ver­bi­eten die Ver­hän­gung der Todesstrafe unmißver­ständlich für Ver­brechen, die vor dem 18. Leben­s­jahr began­gen wur­den. Amnesty inter­na­tion­al doku­men­tierte in den 90er Jahren 18 Exeku­tio­nen jugendlich­er Täter im Iran, Nige­ria, Pak­istan, Sau­di ‑Ara­bi­en, dem Jemen und in den USA 3. 10 Exeku­tio­nen wur­den alleine in den USA voll­streckt. Hierzu ist zu bemerken, daß die USA nicht die Kinder­recht­skon­ven­tion, wohl aber den Pakt über bürg­er­liche und poli­tis­che Rechte rat­i­fiziert haben. Zur Zeit sitzen 70 Inhaftierte in amerikanis­chen Tode­strak­ten, die zur Tatzeit noch keine 18 Jahre alt waren. Viele von ihnen lei­den unter Min­der­be­gabung, waren sozial wie auch ökonomisch benachteiligt und in ihrer Kind­heit physis­che und psy­chisch mißbraucht wor­den. Im April 1998 wur­den in Texas Jospeh Jon Can­non und Robert Carter mit ein­er Gift­in­jek­tion hin­gerichtet. Bei­de waren zum Zeit­punkt ihrer Tat ger­ade 17 Jahre alt gewesen.
In der Präam­bel der Kinder­recht­skon­ven­tion ste­ht, daß „das Kind wegen sein­er man­gel­nden kör­per­lichen und geisti­gen Reife beson­deren Schutzes und beson­der­er Für­sorge, ins­beson­dere eines angemessen rechtlichen Schutzes vor und nach der Geburt, bedarf“. Aber ein wirk­lich­er Schutz vor Men­schen­rechtsver­let­zun­gen kann nur dann gewährleis­tet wer­den, wenn er von allen Staat­en anerkan­nt und umge­set­zt wird. Das ist bis heute nicht geschehen, obwohl mit der UNO – Kon­ven­tion ein umfan­gre­ich­es Instru­ment zur Umset­zung vorliegt.

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Vorstellung des ai-Arbeitskreises Medizin/Psychologie/Pflege

Laden Sie hier den Info­mar­tion­s­text “Vorstel­lung des ai-Arbeit­skreis­es Medizin/Psychologie/Pflege” aus dem  Jahr 1999 von Dr. Ulrike Heckl herunter:

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Hier kön­nen Sie auch den Text lesen:

Der Arbeit­skreis „Medi­zin / Psy­cholo­gie / Pflege“, der inzwis­chen alle Heil­berufe umfaßt, wurde 1979 noch als Arbeit­skreis „Ärzte — Psy­cholo­gen“ gegrün­dete, 1982 in den Arbeit­skreis „Medi­zin — Psy­cholo­gie“ umbe­nan­nt und hat sich inzwis­chen zum Arbeit­skreis „Medi­zin / Psy­cholo­gie / Pflege“ erweit­ert. Seit 1995 ist der Arbeit­skreis in das „Health Pro­fes­sion­al Net­work“ von ai einge­bun­den, das sich weltweit die Aufdeck­ung und Präven­tion von Men­schen­rechtsver­let­zun­gen im Gesund­heitswe­sen zum Ziel geset­zt hat.
In Deutsch­land unter­stützen mehr als 2000 Per­so­n­en, die in Heil­berufen tätig sind, die Arbeit von ai, indem sie für ver­fol­gte Beruf­skol­legin­nen und ‑kol­le­gen sowie andere Opfer von Men­schen­rechtsver­let­zun­gen ein­treten, sich gegen willkür­liche Inhaftierun­gen, Folterun­gen, „Ver­schwinden­lassen“ von Per­so­n­en, extrale­gale Hin­rich­tun­gen und gegen die Todesstrafe wen­den. In Kon­takt zu Berufsver­bän­den und Fachzeitschriften ist das Ziel, nicht nur eine Gefan­genen­hil­fe zu ini­ti­ieren, son­dern darüber­hin­aus auch über den Mißbrauch von ärztlich­er und psy­chol­o­gis­ch­er Kom­pe­tenz zu poli­tis­chen Zweck­en aufk­lären. Weit­er­hin sehen sie in der Ver­mit­tlung von medi­zinis­ch­er und psy­chother­a­peutis­ch­er Hil­fe für physisch und psy­chisch geschädigter Asyl­suchen­den eine wesentliche Aufgabe.
Psy­cholo­gen und Psy­chother­a­peuten sind wohl von Beginn an im Arbeit­skreis vertreten gewe­sen, jedoch meist nur in geringer Zahl. Dieses man­gel­nde Engage­ment ste­ht in keinem Ver­hält­nis zu der Bedeu­tung der Psy­cholo­gie, die sie für die Aufdeck­ung und Bekämp­fung von Men­schen­rechtsver­let­zun­gen in den ver­gan­genen Jahren bekom­men hat. Psy­chol­o­gis­che Forschungsergeb­nisse dienen nicht nur dem Ver­ste­hen der psy­chis­chen Fol­gen von Folter und der psy­chother­a­peutis­chen Behand­lung von Folteropfern, son­dern mehr und mehr sind die Erken­nt­nisse aus der Ver­hal­tens- und Kom­mu­nika­tion­spsy­cholo­gie in die Ver­feinerung von „Tech­niken“ der Mißhand­lung und Folterung von Gefan­genen einge­flossen. Obwohl Psy­cholo­gen als direk­te Beteiligte bei Folterun­gen kaum in Erschei­n­ung treten, bzw. ihre Mit­täter­schaft — u. a. auch in der Aus­bil­dung von Folter­ern — nur spär­lich doku­men­tiert ist, ist doch davon auszuge­hen, daß etliche an der Entwick­lung und Pla­nung von Folter­meth­o­d­en, die kaum nach­weis­bare Spuren hin­ter­lassen, beteiligt sind (Stich­wort „saubere Folter“) und mit ihren Erfahrun­gen aus der Klin­is­chen Psy­cholo­gie plan- und absichtsvoll die Langzeitwirkung von Folter ver­stärken helfen. Auf diese Weise wird die wis­senschaftliche Psy­cholo­gie mißbraucht und zum Schaden der Ver­fol­gten eingesetzt.
Dabei tra­gen Psy­chologIn­nen, wie viele andere im Gesund­heitswe­sen Tätige, ein spez­i­fis­ches Risiko. Im Rah­men ihrer beru­flichen Tätigkeit kom­men sie u. a. auch in Kon­takt mit Opfern von Men­schen­rechtsver­let­zun­gen oder mit Per­so­n­en, die von Ver­stößen gegen Men­schen­rechte bedro­ht sind. Somit gehören Psy­chologIn­nen und Psy­chother­a­peutIn­nen zum Kreis ver­fol­gter Heil­beru­fler, wenn sie die Meth­o­d­en der psy­chol­o­gis­chen Folter, die ver­heeren­den psy­chis­chen Langzeit­fol­gen von exis­ten­tieller Bedro­hung, Inhaftierung , Iso­la­tion und Folter aufdeck­en, doku­men­tieren und anprangern. Dies gilt beson­ders, wenn sie vor Ort in Men­schen­recht­sar­beit involviert sind und ver­suchen, den Gefolterten ther­a­peutis­che Hil­fe und Unter­stützung zukom­men zu lassen. In vie­len Staat­en sind Behand­lungszen­tren ent­standen, in denen Kol­legIn­nen zusam­men mit Vertretern ander­er Pro­fes­sio­nen, ver­suchen, den Opfern eine Hil­fe zum Über­leben zu geben. Diese Per­so­n­en sind jedoch oft bedro­ht und ver­fol­gt, und manche wer­den selb­st gefoltert und ermordet. Vor diesem Hin­ter­grund sieht der Arbeit­skreis es auch als eine wesentliche Auf­gabe, dabei zu helfen, die hiesi­gen Behand­lung­sein­rich­tun­gen mit denen der Ver­fol­ger­staat­en zu ver­net­zen, um  Krisen­mech­a­nis­men für die bedro­ht­en Kol­legIn­nen zu schaf­fen. So ist es z. B. in der Türkei bere­its zu wirk­samen Paten­schaften mit bre­it­er inter­na­tionaler Unter­stützung gekommen.
Die konkreten Hil­fen für die medi­zinisch — psy­chosozialen Fol­gen staatlich­er Ver­fol­gung und Gewalt wer­den in den psy­chosozialen Behand­lungszen­tren, die inzwis­chen in mehreren bun­des­deutschen Städten ent­standen sind, geleis­tet. Die Unter­stützung dieser Arbeit bildet einen Schw­er­punkt im Arbeitskreis.
Mit dem Ziel ein­er größeren Sen­si­bil­isierung der Rolle der Psy­cholo­gie im Zusam­men­hang mit Men­schen­rechtsver­let­zun­gen ist die Etablierung des The­mas Men­schen­recht­serziehung in den Cur­ric­u­la der psy­chol­o­gis­chen Insti­tute, Aus- und Fort­bil­dung­sein­rich­tun­gen ein zen­trales Anliegen des Arbeitskreises.

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Die Überwältigung der Sinne durch das Foltertrauma

Laden Sie hier den Beitrag “Die Über­wäl­ti­gung der Sinne durch das Folter­trau­ma” aus dem Jahr 1999 von Volk­er Friedrich herunter:

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Das Abstract kön­nen Sie hier als Ein­stieg lesen:

Der Autor ver­sucht, mit Hil­fe von Aus­sagen über die erlebte Folter zu skizzieren, was Folter im seel­is­chen und kör­per­lichen Erleben anrichtet. Die Berichte von Gefolterten sind die Grund­lage für seine Über­legun­gen, wie die See­len­land­schaft im Gefolterten aufge­baut ist und welche Schwierigkeit­en zu bedenken sind, um dem Erleben des Gefolterten nahezukom­men. Die Ein­wirkung der Folterge­walt auf die Sinne des Men­schen zwingt diesen in eine Regres­sion, in deren Ver­lauf er zu früh­esten dis­sozi­ierten Erfahrun­gen in seinem Ich und Selb­st gelangt. Diese erzwun­gene Regres­sion bren­nt sich wie eine Schock­narbe in Ich- und Selb­st­ge­fühl ein, dem er zeitlebens aus­ge­set­zt ist. Folter ist geeignet, die Struk­tur des Men­schen anzu­greifen, es ist die per­fideste und gewalt­tätig­ste Art von poli­tis­ch­er Gewalt, den poli­tis­chen Geg­n­er nicht physisch, son­dern psy­chisch in seinem weit­eren poli­tis­chen Kampf zu eli­m­inieren. Das Wis­sen um die seel­is­chen Vorgänge, die aus der Bewäl­ti­gung der Über­wäl­ti­gung der Sinne resul­tieren, ist wichtig, um dem Gefolterten begeg­nen zu können.

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Working with Survivors of Torture and Political Violence in New York City

Laden Sie hier den englis­chen Beitrag “Work­ing with Sur­vivors of Tor­ture and Polit­i­cal Vio­lence in New York City” aus dem Jahr 1999 von Jack Saul herunter:

1999 tsaul tor­ture sur­vivors ther­a­py NY

Der Artikel erschien auch in: Zeitschrift für Poli­tis­che Psy­cholo­gie, Jg. 7, 1999, Nr. 1+2, S. 221 — 232

Das deutschsprachige Abstract kön­nen Sie hier als Ein­stieg lesen:

Der Autor beschreibt anhand eines Fall­beispiels die Lebens­be­din­gun­gen von Flüchtlin­gen nach trau­ma­tis­chen Erleb­nis­sen im Heimat­land und stellt anschließend ein von ihm und seinen Mitar­beit­ern entwick­eltes The­ater­pro­jekt der New York Uni­ver­si­ty vor. Es wurde für Opfer von Gewalt und Folter konzip­iert, basiert auf ihren Erfahrungs­bericht­en und hat u.a. zum Ziel, das Schweigen über die erlit­tene Trau­ma­tisierung zu brechen und der Per­son wieder tragfähige soziokul­turelle und poli­tis­che Sinnzusam­men­hänge zu eröff­nen. Durch die Grup­pe­nar­beit und den kreativ­en Prozeß kön­nen Ressourcen und Cop­ing-Mech­a­nis­men reak­tiviert wer­den, die dem Betrof­fe­nen zur Bewäl­ti­gung der trau­ma­tis­chen Erleb­nisse dienen, ohne daß dieser eine pro­fes­sionelle Hil­fe in Anspruch nehmen muß. Ein wichtiger Bestandteil der Arbeit ist die Förderung der spez­i­fis­chen, kul­tur­ab­hängi­gen Aus­drucks­fähigkeit, um das Erlebte — beispiel­sweise durch kollek­tive Trauer­rituale oder Erzäh­lun­gen — in einen sozialen Kon­text zu reintegrieren.

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Traumatisierungsvorgänge bei der Foltererausbildung

Hier kön­nen Sie den Artikel “Trau­ma­tisierungsvorgänge bei der Folter­eraus­bil­dung” von Peter Bop­pel aus dem Jahr 1999 herunterladen:

1999 trau­ma­tisierung folter­aus­bil­dung tboppel

Der Artikel erschien auch in :Zeitschrift für Poli­tis­che Psy­cholo­gie, Jg. 7, 1999, Nr. 1+2, S. 19 — 28

Die Zusam­men­fas­sung des Texts kön­nen Sie hier lesen:

Nach einem Überblick über die Aus­bil­dung von Spezial­sol­dat­en und Folter­ern wird fest­gestellt, daß dieser Drill seel­isch als Trau­ma­tisierung ange­se­hen wer­den muß.
Trau­ma­ta wer­den ins­beson­dere impliz­it, aber auch expliz­it im Erin­nerungssys­tem gespe­ichert und wirken sich darüber hin­aus auf Ich‑, Abwehr‑, Gewis­sens- und Selb­st­struk­turen verän­dernd aus. Diese Verän­derun­gen sollen let­ztlich instru­men­tal­isiertes Töten und Foltern ermöglichen. Auf die gesellschaftliche Bedeu­tung bru­taler Erziehungs- und Aus­bil­dung­sprak­tiken in den vul­ner­a­blen Leben­sphasen Frühkind­heit und Adoleszenz bei der Her­stel­lung von Gewalt­po­ten­tialen wird hingewiesen.

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