Behandlungsmöglichkeiten für Gefolterte und Traumatisierte und Zugang zur Gesundheitsversorgung in der Türkei

Sehr geehrte Damen und Her­ren,

wir möcht­en auf die Veröf­fentlichung “Behand­lungsmöglichkeit­en für Gefolterte und Trau­ma­tisierte und Zugang zur Gesund­heitsver­sorgung in der Türkei” des IPPNW Deutsch­land  (Deutsche Sek­tion der Inter­na­tionalen Ärzte für die Ver­hü­tung des Atomkrieges/Ärzte in sozialer Ver­ant­wor­tung e. V./International Physi­cians for the Pre­ven­tion of Nuclear War) hin­weisen.

Der Bericht beruht auf dem Gespräch mit Yavuz Önen, Vor­sitzen­der des türkischen Men­schen­rechtsvere­ins TIHV in Ankara, und
Dr. med. Alp Ayan, Psy­chi­ater des Reha­bil­i­ta­tion­szen­trums der TIHV in Izmir, mit denen auf der Tagung des Aktion­snetz Heil­berufe in Berlin am 28.05.2005 gesprochen wurde.

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Die bei­den Men­schen­rechtler waren Ref­er­enten auf ein­er Tagung des „Aktion­snet­zes der Heil­berufe in Amnesty Inter­na­tion­al“ in Berlin am 28.5.2005. Diese Gele­gen­heit nutzten Mit­glieder des IPP­NW-Arbeit­skreis­es Flüchtlinge / Asyl zu Gesprächen mit Her­rn Önen und Her­rn Ayan und poli­tis­chen Entschei­dungsträgern.
Gespräche fan­den am 27.5.2005 statt: im Auswär­ti­gen Amt, im Bun­deskan­zler­amt, beim Men­schen­rechts­beauf­tragten der Bun­desregierung und beim Bun­de­samt für Migra­tion und Flüchtlinge, BAMF.

Im Fol­gen­den fassen wir die Aus­sagen von Yavuz Önen und Dr. Alp Ayan zusam­men:
Die Arbeit mit Gefolterten in den Reha­bil­i­ta­tion­szen­tren der TIHV:
Seit 15 Jahren arbeit­et die Stiftung mit Folteropfern. Zur Zeit gibt es 5 Reha­bil­i­ta­tion­szen­tren in Ankara, Istan­bul, Izmir, Adana und Diyarbakir. In diesem Zeitraum haben sich 10 000 Men­schen an die Stiftung gewandt. Die Gesamtzahl der Gefolterten in der Türkei ist um ein Vielfach­es höher, die Stiftung spricht von ein­er Mil­lion gefolterten Men­schen in der Türkei. 2004 hat es in der Stiftung 922 Anfra­gen gegeben, 2005 (bis Novem­ber) 655. Es existieren Wartelis­ten, da nicht alle Per­so­n­en, die z.B. aus den Gefäng­nis­sen ent­lassen wer­den, sofort einen Ther­a­pieplatz bekom­men kön­nen.
Die Klien­ten haben vielschichtige Prob­leme und Bedürfnisse, soziale Not, kör­per­liche Ver­let­zun­gen und psy­chis­che Trau­mafol­gen. Eine Behand­lung von Folteropfern ist nur erfol­gver­sprechend, wenn die Rah­menbe­din­gun­gen stim­men. Es braucht soziale und juris­tis­che Sicher­heit, die Anerken­nung des erlit­te­nen Unrechts als Unrecht und Ver­trauen in die Helfer.
Da diese Rah­menbe­din­gun­gen nur in sel­te­nen Fällen gewährleis­tet wer­den kön­nen, beschränkt sich die Ther­a­pie oft auf Krisen­man­age­ment und Sta­bil­isierung.
In den Zen­tren gibt es in der Regel drei fest angestellte Mitar­beit­er, einen Arzt für die Auf­nah­mege­spräche, einen Psy­cholo­gen und einen Sozialar­beit­er. Daneben gibt es eine wech­sel­nde Zahl von ehre­namtlich mitar­bei­t­en­den Ärzten ver­schieden­er Fachrich­tun­gen.
Das Zen­trum in Izmir hat­te bis jet­zt mit Dr. Ayan einen fest angestell­ten Psy­chi­ater.
Wenn er jet­zt für ein Jahr zur Weit­er­bil­dung in die USA geht, muss auch seine Arbeit von ehre­namtlichen Kol­le­gen über­nom­men wer­den. Diese haben oft keine Aus­bil­dung in Trau­mather­a­pie und nur sehr begren­zte Kapaz­itäten, z.B. eine Ther­a­pi­es­tunde pro Woche. Pro Monat kann nur ein neuer Patient angenom­men wer­den.
In den Zen­tren der Stiftung bzw. in deren Umfeld arbeit­et fol­gen­des Fach­per­son­al, wobei auch hier nicht alle Psy­chi­ater eine Trau­maaus­bil­dung haben:
— Diyarbakir für ca. 4 Mil­lio­nen Ein­wohn­er: 4 Psy­chi­ater, davon 2 extern (nur ein­er von ihnen kann Kur­disch. Kur­disch kann aber sowohl ein Vorteil als auch ein Nachteil sein, wenn die Ther­a­pie nicht in der eige­nen Sprache, son­dern nur in der Regierungssprache möglich ist), neu: 1 aus­ge­bilde­ter Psy­chologe.
— Adana: 1 Psy­chi­ater ohne Zusatzaus­bil­dung (Behand­lung nur mit Medika­menten)
— Ankara: 1 extern­er Psy­chi­ater
— Izmir: 4 Externe arbeit­en in ihren Prax­en, davon 1 Psy­chi­ater, der aber nur 2 Std. in der Woche tätig sein kann
— Istan­bul: ein intern­er Psy­chi­ater (Halb­tagsstelle), auch wenig Externe; keine genauen Ken­nt­nisse.
Psy­chi­ater in der Türkei haben große Berührungsäng­ste mit dem The­ma Folter und wollen vor allem aus zwei Grün­den nicht in diesem Bere­ich arbeit­en:
1. gibt es juris­tis­che Prob­leme. Immer wieder sind Mitar­beit­er der Stiftung und ehre­namtlich mitar­bei­t­ende Ärzte unter Anklage gestellt und auch zu Geld oder Gefäng­nis­strafen verurteilt wor­den. (z.B. in Izmir 2 x 18 Monate) Selb­st wenn es nicht zur Verurteilung kommt, sind diese Ver­fahren eine große Belas­tung. Seit Jahren wer­den die Stiftun­gen und ihre Mitar­beit­er wegen ihrer Men­schen­recht­sar­beit in zahlre­ichen Prozessen angeklagt, wobei die Ver­hand­lun­gen ( z.B. 300 Tage in Hauptver­hand­lun­gen für Dr. Ayan) sich im all­ge­meinen über viele Jahre hinziehen, was für die Betrof­fe­nen per­sön­liche Belas­tun­gen und Behin­derun­gen der Arbeit bedeutet, und für die Men­schen, die Hil­fe suchen, Verun­sicherung und Gefährdung.
2. ist die Arbeit mit Folteropfern sehr belas­tend für die Psy­che der Ther­a­peuten.
Viele Kol­le­gen been­den deshalb diese Arbeit vorzeit­ig, zumal es in der Türkei bish­er keine Super­vi­sion gibt. Lediglich eine Kol­le­gin aus Süd­deutsch­land hat in Izmir einige Super­vi­sion­ssitzun­gen ange­boten.

Nach dem Todes­fas­ten in den türkischen Gefäng­nis­sen wur­den viele Gefan­gene mit einem Wer­nicke-Kor­sakow-Syn­drom ent­lassen. Viele melde­ten sich in den Zen­tren der Stiftung, die dadurch völ­lig über­lastet waren und seit­dem Wartelis­ten haben.
Laut Satzung wer­den in den Zen­tren der Stiftung alle Folteropfer angenom­men, auch diejeni­gen, die aus dem Aus­land zurück kom­men, z.B. auch aus dem Irak oder aus Guan­tanamo.
Es gibt auch von Seit­en der Folteropfer Hemm­schwellen, sich an die Stiftung zu wen­den.
Die Stiftung ste­ht zwar nicht im Ver­dacht, mit dem Staat zusam­men zu arbeit­en, sie kann ihre Klien­ten aber auch nicht sich­er schützen. Immer wieder wur­den in der Ver­gan­gen­heit Polizeirazz­ien in den Zen­tren durchge­führt und Akten und Com­put­er beschlagnahmt. Trotz aller Beteuerun­gen der Regierung hat das bish­er in keinem Fall dazu geführt, dass die in den Akten aufge­führten Folter­fälle von den Sicher­heit­skräften ver­fol­gt und die genan­nten Folter­er angeklagt wor­den wären.
Außer­dem ist es für Men­schen schwierig, in die Zen­tren zu kom­men, wenn sie nicht in der Nähe wohnen. Eine kon­tinuier­liche, oft lang­wierige Ther­a­pie ist dann nur möglich, wenn sie Ver­wandte in der Nähe haben, bei denen sie unterkom­men kön­nen. Wenn die Patien­ten lebenslang behan­delt wer­den müssen, müssen sie vor Ort wohnen. Wenn größere Abstände der ther­a­peutis­chen Sitzun­gen möglich sind, kön­nen sie von weit­er her kom­men. Viele Men­schen jedoch kön­nen nicht kom­men, weil sie zu weit ent­fer­nt wohnen.
Der Erfolg der ther­a­peutis­chen Arbeit ist für die Kli­entIn­nen abhängig von ein­er ver­trauensvollen Beziehung, einem sicheren Umfeld, sozialer Unter­stützung und Arbeitsmöglichkeit­en, daneben eben­so von der Anerken­nung des Erlit­te­nen, der Äch­tung der Folter und der Bestra­fung der Folter­er.
Ther­a­peutis­che Ange­bote für Klien­ten beste­hen in Milieuther­a­pie, Stützung des Umfelds und in direk­tem Schutz, d.h., wenn sich jemand an die Stiftung wen­det oder gewandt hat, dann wird ver­sucht, für den Klien­ten einen “inter­na­tionalen Schutz” zu erre­ichen.
Sog­ar bei ein­er Behand­lung im TIHV bedeutet es für die Klien­ten eine Über­win­dung hinzuge­hen. Anfangs haben sie auch kein Ver­trauen zum TIHV. Es dauert für die Mitar­beit­er oft Monate, bis sie an den Kern der Geschichte vor­drin­gen kön­nen.
Das Prob­lem des sozialen Umfelds, der sozialen Sicher­heit soll an einem Beispiel erläutert wer­den, wobei es um die Rolle der Dorf­schützer geht:
Dorf­schützer sind ein Teil des Sys­tems und erhal­ten vom Staat eine Art monatlich­es Gehalt und Waf­fen. Obwohl die geflüchteten Dorf­be­wohn­er offiziell noch die Felder in ihren Dör­fern besitzen, bear­beit­en in der Real­ität die Dorf­schützer diese Felder.
Die Dorf­schützer sind weit­er in den Dör­fern und passen auf, dass sie ihre Priv­i­legien nicht ver­lieren und eben­so, dass die Felder nicht verkauft wer­den kön­nen. Auch die Grund­buchämter ver­hin­dern, dass die früheren Besitzer dort hinge­hen kön­nen.
Für den Fall, dass die Dorf­be­wohn­er zurück­kehren wollen, bekom­men sie daher Schwierigkeit­en oder sind in Gefahr ( z.B. Todes­fälle von Rück­kehrern!).

Dr. Alp Ayan:
„In der Türkei wur­den von Trau­mather­a­peuten Stan­dards für die spez­i­fis­che und umfassende Behand­lung von kör­per­lichen und psy­chis­chen Trau­ma- und Folter­fol­gen entwick­elt: Vor­rangig gilt, solange die Gefahr der Retrau­ma­tisierung beste­ht, kann keine Ther­a­pie erfol­gre­ich stat­tfind­en. Entschei­dend ist das soziale Gefüge während der Ther­a­pie, jedoch befind­en wir uns auch da auf dün­nem Eis, wenn z.B. das Trau­ma evtl. etwas mit dem Vater zu tun hat. Eben­so ist bei jed­er — wenn evtl. auch begren­zten — Fes­t­nahme eine Extrem­trau­ma­tisierung (Retrau­ma­tisierung) zu befürcht­en. Eben­so ist es bei der Kon­fronta­tion mit dem Ort der Gefahr, der Folter.
Es muss sehr sen­si­bel mit dem Umfeld umge­gan­gen wer­den.
Im Sinne des sozialen Umfelds müssen die Mitar­beit­er und
Men­schen­rechtsvertei­di­ger in den Stiftun­gen zusät­zlich beurteilen: Ist es in der Türkei zu ein­er Besserung gekom­men, wird noch gefoltert? Wie funk­tion­iert der Rechtsstaat? Entsprechen Richter/Gerichtsurteile rechtsstaatlichen Stan­dards oder sind sie men­schen­ver­ach­t­end? Dies ist in der Türkei der Fall. Wie ste­ht es mit der Straflosigkeit?“
Für den Fall, dass eine große Anzahl Men­schen in den Stiftun­gen um Hil­fe bit­ten wür­den, gäbe es ein Prob­lem der Kapaz­ität. Die Mitar­beit­er kön­nten ihre Stan­dards nicht mehr aufrechter­hal­ten und müssten dies veröf­fentlichen. Die Kapaz­itäten der Stiftung sind auch durch finanzielle Schwierigkeit­en begren­zt, so dass die Mitar­beit­er bere­its jet­zt an ihren Gehäl­tern und Räum­lichkeit­en sparen, nicht aber an der Qual­ität ihrer Arbeit.
Trau­mather­a­pie außer­halb der Reha­bil­i­ta­tion­szen­tren der TIHV
Im West­en der Türkei gibt es einige Psy­chi­ater mit ein­er Zusatzaus­bil­dung für Trau­mather­a­pie. Sie arbeit­en in pri­vater Prax­is, müssen in der Regel pri­vat bezahlt wer­den. Im Osten gibt es keine speziell aus­ge­bilde­ten Psy­chi­ater und nur wenig Möglichkeit­en, eine Ther­a­pie zu bekom­men. In Tunceli gibt es z.B. gar keine Psy­chi­ater. Die Zahl der Fachärzte ist sehr klein.
Nur medika­men­töse Ther­a­pie ist möglich, bei psy­chis­chen Trau­mafol­gen aber nur als unter­stützende Behand­lung sin­nvoll.
In den psy­chi­a­trischen Kranken­häusern im Osten der Türkei gibt es keine Psy­chi­ater mit ein­er entsprechen­den Zusatzaus­bil­dung. Für Folteropfer ist es auch kaum möglich, in einem staatlichen oder Uni­ver­sität­skranken­haus behan­delt zu wer­den.
Eine wichtige Voraus­set­zung für die Behand­lung ist das Ver­trauen des Patien­ten in den Ther­a­peuten. Ein Opfer staatlich­er Gewalt kann dieses Ver­trauen in einem  staatlichen Kranken­haus kaum entwick­eln, in dem sich schon am Ein­gang ein Polizeiposten befind­et, in dem über­all Bilder des Staats­grün­ders Atatürk und türkische Fah­nen hän­gen, in dem sich auf lan­gen Fluren unüber­sichtlich viele Men­schen drän­gen.

Retrau­ma­tisierung
Dr. Alp Ayan:
„Die Frage der Retrau­ma­tisierungs­ge­fahr sollte in Rela­tion geset­zt wer­den zu der Häu­figkeit von Trau­ma­tisierung bei Folteropfern. Laut inter­na­tionaler Sta­tis­tiken ist eine Erkrankung­shäu­figkeit für PTSD und komor­bide Störun­gen 35–40 %. Wichtig sei dabei festzustellen , dass sich das Krankheits­bild ein­er PTSD o.ä. oft erst nach vie­len Jahren zeigt. Auch eine Gefolterte®, der/die nur unter Alb­träu­men lei­det oder gar keine Symp­tome hat, könne sich plöt­zlich umbrin­gen oder erst nach ca. 30 Jahren Symp­to­matik bekom­men (Trau­ma führt zu Ver­mei­dung, der Gefolterte will vergessen, dadurch entste­ht ein Energi­es­tau, wodurch es plöt­zlich zum Aus­bruch der Symp­to­matik kom­men kann) . Eine Sta­tis­tik zur Retrau­ma­tisierung sei daher nicht möglich, die Gefahr jedoch immer zu bedenken.“
Yavuz Önen, IHD:
„Es gibt keine inländis­che Fluchtal­ter­na­tive, da die Men­schen nicht sich­er sind, dass sie erneut festgenom­men wer­den. In Istan­bul und in anderen Städten ist es z.B. nicht erlaubt als „fliegende Händler“ zu arbeit­en. Bei Kon­trollen ist der  Geburt­sort entschei­dend“.

Zugang zur Gesund­heitsver­sorgung
Für mit­tel­lose Men­schen gibt es in der Türkei die „Yesil Kart“, die beim Gou­verneur beantragt wer­den muss. Sie berechtigt zur Behand­lung in Gesund­heitssta­tio­nen, staatlichen Kranken­häusern und auf Über­weisung auch in den meis­ten Uni­ver­sität­skliniken. Seit einem Jahr wer­den auch Medika­mentenkosten abgedeckt.
Es gibt jedoch viele Hin­dernisse. Im Südosten bekom­men ca. 70% der Antrag­steller keine Karte. Nach dem Gesetz muss zwar eine Bescheini­gung über die Gründe ein­er Ver­weigerung der Grü­nen Karte aus­gestellt wer­den; dies geschieht in der Prax­is nicht. Kommt ein Antrag­steller mit einem Recht­san­walt, heißt es, der Antrag sei nicht abgelehnt, er sei noch im Entschei­dung­sprozess. In den Großstädten im West­en ist es etwas bess­er. Hier gibt es manch­mal Sozialar­beit­er, die helfen.
Gründe:
Bin­nen­ver­triebene sind oft nicht gemeldet, die Kom­mune ver­weigert die Reg­istrierung. Bin­nen­ver­triebene gel­ten nicht als bedürftig, weil sie in ihrem Heimat­dorf noch als Besitzer eines Haus­es oder Feldes einge­tra­gen sind, über das sie allerd­ings nicht ver­fü­gen kön­nen, weil z.B. Dorf­schützer Haus und Hof nutzen.
Die Antrag­steller wer­den sehr schlecht behan­delt, beson­ders wenn sie aus den kur­dis­chen Gebi­eten kom­men. („Geh doch zur PKK, sollen die für Dich sor­gen!“) Anträge wer­den über lange Zeit nicht bear­beit­et.

Folter und Straflosigkeit im Jahre 2005

Die Prax­is entspricht nicht den Geset­zen und inter­na­tionalen Abkom­men:
a) Keine zügige Strafver­fol­gung der Folter­er;
b) keine Haft­be­fehle gegen Folter­er;
c) falls über­haupt Strafen, dann nur geringe;
d) ganz wenige Folter­er sind bestraft wor­den;
e) keine Sus­pendierun­gen, lange Ver­fahrens­dauer; angeklagte Folter­er kom­men oft nicht zu den Ver­hand­lun­gen, sie bekom­men ihre Rente und haben nichts zu befürcht­en.
Beispiel: 2004 wur­den 13 Ver­fahren gegen Folter­er ein­geleit­et, 54 Beamte wur­den angeklagt, nur 4 verurteilt (sie wur­den jedoch nur ver­set­zt).
IHD und TIHV veröf­fentlichen jährlich Berichte und Sta­tis­tiken über Folter. Durch die Anmel­dun­gen beim TIHV beste­ht Ken­nt­nis zu Folter und den damit im Zusam­men­hang ste­hen­den Umstän­den, Polizei­haft usw. in allen Prov­inzen:
— nur in 16 % hat­ten die Klien­ten die Möglichkeit, einen Recht­san­walt hinzuzuziehen,
— nur in 27% wur­den sie einem Arzt vorge­führt.
— 58,9% der beim TIHV angemelde­ten Klien­ten sind nicht reg­istri­erte und schw­er gefolterte Men­schen.
— von den durch TIHV reg­istri­erten Fällen haben sich 55% bei den Fes­t­nah­men länger in Haft befun­den als geset­zlich vorge­se­hen.
— die neuerd­ings ange­wandten Folter­meth­o­d­en führen zu weniger offen­sichtlichen Spuren; die Fol­gen sind meist unsicht­bar.
— 83,9% Folter­maß­nah­men bei poli­tis­chen Gefan­genen; Rest­prozentsatz bei krim­inellen Häftlin­gen.
— die Zahl der angemelde­ten Men­schen, die im Osten und Südosten geboren sind, hat sich abso­lut ver­mehrt.
— die schlecht­en Haftbe­din­gun­gen haben sich eben­so ver­schlim­mert: sowohl bei den all­ge­meinen Recht­en, Ernährung, Hygiene, Gesund­heitssi­t­u­a­tion, Iso­la­tion, ins­bes. gegenüber poli­tisch Gefan­genen. Auf­grund dieser Tat­sachen kommt es zu Protesten und Hunger­streiks, die auch zu Todes­fällen führen.

München/Berlin im Jan­u­ar 2006

Dr. med. Wal­traut Wirt­gen
(FA F Psy­chother­a­peutis­che Medi­zin, Psy­cho­analyse, freie MItar­bei­t­erin bei Refu­gio München), Dr. med. Gisela Pen­tek­er (Türkeibeauf­tragte der IPPNW)

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